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Aus HHK 6/2022: Durchsetzungsfähig Wirkung ins feindliche Hinterland bringen

Einweisung am 1-zu-1 Modell des TAURUS: Vice President Andreas Seitz (re.), Luft- und Raumfahrtingenieur und seit 2015 für TAURUS Systems GmbH tätig, mit Chefredakteur Burghard Lindhorst. (Foto © TAURUS Systems/Römer)
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TAURUS trägt zur Souveränität und Sicherheit Deutschlands bei

Interview mit Andreas Seitz, Vice President Business Area Europe, TAURUS Systems GmbH

 

Liebe Leserinnen und Leser,

zur Sachinformation in der TAURUS-Debatte veröffentlichen wir hier erneut unser letztes interview zu diesem Thema. Es wurde mit dem damaligen Vice President von TAURUS Systems GmbH geführt und erschien im Dezember 2022, vor den aktuellen Entwicklungen.

 

Sehr geehrter Herr Seitz, welche Folgerungen ziehen Sie aus Sicht von TAURUS Systems aus dem Ukrainekrieg? Die russische Invasion in die Ukraine hat Krieg als Realität nach Europa zurückgebracht. Waffensysteme zur Abschreckung eines potenten Feindes sind notwendiger denn je. Natürlich hat nach der Zeitenwende die Aufmerksamkeit für das Waffensystem TAURUS zugenommen. Schließlich ermöglicht die Qualität des TAURUS der Luftwaffe in kriegerischen Konflikten hoher Intensität durchsetzungsfähig Wirkung ins feindliche Hinterland zu bringen, und als eines der ganz wenigen Waffensysteme steht auch ein nennenswerter Vorrat zur Verfügung, der allerdings auch einsatzfähig gehalten werden muss.

(Video HHK/Lindhorst)

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang luftgestützte Marschflugkörper für Deutschland und Europa? Eine große! Nur wenige Länder verfügen über eine ALCM-Fähigkeit (Air Launched Cruise Missile). Unser deutscher TAURUS ist ein ganz entscheidender Beitrag zur Stabilisierung an der NATO-Ostflanke. Es handelt sich um eine Schlüsselfähigkeit zur Abschreckung. Die ist bei lokalen Konflikten wie in Syrien bereits notwendig, um der Politik die Möglichkeit zu verschaffen, rote Linien ziehen zu können. Die sind ja nur wirksam, wenn glaubhaft die Konsequenz eines Luftschlages angedroht werden kann. Absolut unentbehrlich ist das Prinzip Abschreckung bei der Landes- und Bündnisverteidigung. Mit der Fähigkeit, Bunker, Nachschubinfrastruktur, geparkte Flugzeuge und alle stationären Bodenziele von strategischem Wert 500 km hinter den feindlichen Linien tatsächlich zerstören zu können, wird ein Angriff zur Landnahme zum großen Risiko für einen Aggressor.

Die TAURUS-Technologie ist im Wesentlichen in Deutschland entwickelt und produziert worden. Aktuell werden vor allem Systeme aus den Vereinigten Staaten beschafft. Kann man nicht wesentlich preiswerter und schneller Waffen auf dem internationalen Markt kaufen? Gute Frage! Auf den ersten schnellen Blick sieht das ja oft so aus. Bei genauerer Betrachtung ist es aber im Kern eine Frage der politischen Souveränität. Ausländische Produzenten werden niemals komplett den spezifischen politischen Erfordernissen und auch den nationalen Eigenheiten verschiedener Streitkräfte entsprechen. Staaten denken bei der Sicherheitsvorsorge zunächst und berechtigterweise an sich selbst und den eigenen Bedarf. Im Falle des Falles ist nicht sichergestellt, dass ausländische Produzenten liefern, nicht zuletzt auch aus politischen Gründen, die sich ändern können. TAURUS bietet der Luftwaffe nicht nur militärische Überlegenheit im Bereich ALCM, sondern trägt auch zu Deutschlands nationaler Sicherheit und Souveränität bei. Das Waffensystem mit den von uns und unseren europäischen Partnern entwickelten Spitzentechnologien garantiert höchste Leistungsfähigkeit  und Zuverlässigkeit. Auf unsere Hightech-Systemexpertise vor Ort kann die Bundeswehr jederzeit vollumfänglich zurückgreifen. Damit kann sie immer unter komplexen Bedrohungen durchsetzungsfähig agieren und ihren Auftrag erfüllen. Wir ermöglichen dadurch politische Souveränität und tragen zur Sicherheit in Deutschland und bei den Verbündeten bei.

Worin bestehen die besonderen Fähigkeiten des TAURUS? Der TAURUS ist ganz konsequent für den Einsatz gegen einen hochgerüsteten Gegner und die Durchsetzungsfähigkeit in stark geschütztem Gebiet optimiert. Der Begriff Anti-Access / Area Denial wird in diesem Zusammenhang oft benutzt, führt aber schon in die Irre. Es gibt keine unzugänglichen Gebiete, nur solche, die so schwierig sind, dass man TAURUS braucht. Mit seinen 500 km Reichweite wird er in sicherer Entfernung außerhalb der Reichweite moderner Flugabwehrsysteme wie etwa der russischen S-400 von seinem Trägerflugzeug abgesetzt und fliegt dann autark hochpräzise ins Ziel.

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Dringlich: vollständige Integration des TAURUS in den Eurofighter. (Foto © Giet)

Die Design-Philosophie beim TAURUS ist auf den Einsatz in europäischen Luftwaffen optimiert. Die deutsche Luftwaffe, wie viele andere Luftstreitkräfte, verfügt nicht über eine strategische Bomberflotte, um moderne Luftabwehr mit Hunderten von Flugkörpern sättigen zu können. Der TAURUS ist darum konsequent so gestaltet, dass jeder einzelne Flugkörper eine maximale Durchsetzungsfähigkeit besitzt und kein Effektor verschwendet wird. Die Trägerplattform muss nicht ins feindliche Gebiet einfliegen, wird nicht gefährdet, ist schnell für die nächste Mission bereit und jeder Schuss sitzt präzise im Ziel. Der TAURUS ist ein echter Force Multiplier. Um der feindlichen Radarentdeckung zu entgehen, fliegt er extrem tief und nutzt konsequent Geländedeckung. Das ist einzigartig und auch notwendig. Moderne Radarstellungen erfassen nämlich kleinste Radarquerschnitte und können diese auch sicher klassifizieren. Will man erfolgreich im Ziel ankommen, muss man heutzutage verdeckt fliegen. Die Operateure können die komplette dreidimensionale und zeitgenaue Flugwegplanung in wenigen Minuten durchführen. Der Flugweg wird dabei ganz genau modelliert.

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Grafik © TAURUS Systems

Das ist wichtig, um sämtliche operativen Randbedingungen des Waffeneinsatzes sicher einzuhalten. Gegen elektronische Störmaßnahmen ist TAURUS immun. Das Trägheitsnavigationssystem wird mit drei verschiedenen Quelldaten im Flug gestützt und damit extrem robust. Der erste Sensor ist ein extrem störfester militärischer GPS-Empfänger. Er kann gegnerische Störsender erkennen und unterdrücken. Zweitens tastet der Radarhöhensensor das überflogene Terrain ab und korreliert seine Messwerte mit einer Datenbank. Das liefert über Gelände mit Höhensignatur gute Positionsdaten. Der dritte Input kommt vom bildgebenden Infrarotsuchkopf. Damit werden sowohl im Flug als auch beim Zielanflug erfasste mit abgespeicherten Bilddaten verglichen und man erhält eine sehr präzise Verortung des Flugkörpers. Zusammen nennen wir das TriTec-Navigation.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der deutschen Luftwaffe, Spanien und Südkorea?Spanien und Deutschland haben eine gute und eng abgestimmte Zusammenarbeit. Vorhaben werden gemeinsam harmonisiert, beauftragt und man profitiert wechselseitig von den Erfahrungen und nicht zuletzt von industriellen Skaleneffekten. Beide Nutzernationen eint weiterhin die Entscheidung nach dem Ausphasen der jetzigen Träger Tornado bzw. F-18, den TAURUS auf dem Eurofighter Typhoon zu integrieren. Zwischen der Republik Korea und Deutschland gibt es über das Programm TAURUS Berührungspunkte und es findet der Austausch von Erfahrungen und Erkenntnissen statt. Südkorea setzt allerdings auch einen klaren Schwerpunkt auf lokale, souveräne Fähigkeiten, weshalb wir vor Ort auch industrieseitig eine Niederlassung, die TAURUS Systems Korea, unterhalten. Bei der TAURUS Systems GmbH ist uns die enge Zusammenarbeit mit den Nutzern des Waffensystems sehr wichtig. Die Erfahrungen der einzelnen Nutzer sind wertvolle Inputs für unsere Ingenieure, um Verbesserungen zu entwickeln und umzusetzen. Auch über dieses industrielle Scharnier profitieren die Nutzerstaaten natürlich voneinander.

…und die Weiterentwicklung der Fähigkeiten? Der wichtigste Schritt in die Zukunft des TAURUS ist keine technische Weiterentwicklung, sondern betrifft die Integration an den Eurofighter bei der deutschen Luftwaffe und der spanischen Ejército del Aire. Mit der Integration sichern beide Streitkräfte die Fähigkeit Long Distance Strike, stärken die europäische Zusammenarbeit in der Rüstung und erschließen operative Synergien. Die Grundsatzentscheidung für eine Integration ist gefallen, jetzt gilt es, dringlichst einen konkreten Pfad bezüglich der Umsetzung zu definieren, insbesondere da das Waffensystem Tornado ausläuft. Seit der Einführung 2005 in der Truppe wird das Waffensystem kontinuierlich fortentwickelt. Als besonders effizient haben sich Updates der Missionsplanungssoftware erwiesen, die kontinuierlich aufgewachsen ist und im Schnitt einmal pro Jahr ein umfangreiches Update erhält.

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Präzise Wirkung im Ziel. (Foto © TAURUS Systems)

Verbesserungen in dieser Software haben einen querschnittlichen Effekt und müssen nicht teuer in die einzelnen Effektoren eingerüstet werden. Nachdem wir seitens des Flugkörpers ein entscheidendes Upgrade des GPS bereits durchgeführt haben, sehen wir uns ganz gut aufgestellt für die nähere Zukunft. Wir haben aber eine ganze Reihe von möglichen Verbesserungen vorbereitet und vorgestellt. Bei den Themen Image Based Navigation, Datenlink und skalierbarer Effekt können wir konkrete Lösungen vorschlagen. Wir denken sogar über alternative Kraftstoffe nach. Nicht nur wegen der Umwelt, sondern es ist auch eine Reichweitensteigerung möglich. Schlussendlich entscheiden dann immer die Nutzer und Kunden, welche Maßnahmen sie priorisieren und in die Umsetzung bringen.

Inzwischen steht eine erneute Grundüberholung an. Ja, genau. Die TAURUS-Grundüberholung ist die notwendige Wartung bei der Industrie des ansonsten für die Truppe wartungsfreien Flugkörpers. Die Flugkörper werden absehbar sukzessive aus ihrem Zehnjahres-Nutzungsfenster laufen. Die Beauftragung der zweiten Grundüberholung ist immens wichtig und mittlerweile auch dringend, damit TAURUS in den kommenden Jahren kontinuierlich einsatzfähig ist. Vorausschauend hat die Abteilung K4.1 im BAAINBw in verschiedenen entwicklungstechnischen Betreuungsvorhaben die Grundlagen für einen umfassenden Fähigkeitserhalt rechtzeitig gelegt. Eine Automatisierung und damit Beschleunigung der Datenaufbereitung des Einsatzgebietes und eine maßgebliche Modernisierung der bildgestützten Navigation und Zielverfolgung können sehr effizient bei der Gelegenheit eingebracht werden. Wir wissen genau, was notwendig und sinnvoll ist, und könnten das auch ressourcenmäßig noch sehr gut umsetzen. Leider bleibt aber die Budgetsituation insbesondere für Munition angespannt, auch nach der Zeitenwende.

Wie steht es um die Nutzungsdauer insgesamt? Weil der Flugkörper nur im Einsatz überhaupt bewegt wird, nutzen sich die Struktur und das Triebwerk nicht wirklich ab. Nur alle zehn Jahre ist eine Grundüberholung bei der Industrie vorgesehen, bei der Baugruppen und Bauteile vor Ablauf ihrer jeweiligen Lebensdauer erneuert werden können. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Waffensystem durch kontinuierliche Verbesserungen der Elektronik, also Waffenrechner und Sensoren im Flugkörper sowie die Missionsplanung, sicherlich 40 Jahre genutzt werden kann. Das ist eine Nutzungsdauer, wie sie auch typisch für die fliegenden Plattformen ist und gut synchronisiert mit der Nutzungsphase des Eurofighters läuft.

Welche Bedeutung hat TAURUS im Rahmen von FCAS? Der TAURUS-Flugkörper mit seiner Reichweite von 500 km, 1.400 kg Abfluggewicht und luftatmendem Jet-Triebwerk ist den Remote Carriern, wie sie im FCAS vorgesehen sind, durchaus ähnlich. Die erforderlichen Technologien und Subsysteme für FCAS werden nicht plötzlich aus der Studienphase sprunghaft nutzbar sein. Bestandssysteme bieten eine optimale Chance als Brücke, diese Technologien aufwachsen zu lassen und Schritt für Schritt risikoarm in die Nutzung zu bringen. Ich denke an Synergien bei der robusten Navigation, Bildverarbeitung, bei maschinellem Lernen oder Datenlinks. Zu diesen Themen haben wir umfangreiche Arbeiten durchgeführt. Sie sind querschnittlich im TAURUS, aber auch in zukünftigen Remote Carriern und Lenkwaffen verwendbar.

Sehr geehrter Herr Seitz, herzlichen Dank für die interessanten Einblicke!

 

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