Auswertung von Kriegen Dritter – Lernen für die Bundeswehr

Soldatinnen und Soldaten werden immer wieder von Klein- und Kleinstdrohnen überrascht, hier soll das Projekt „Drohnenabwehr aller Truppen“vom Cyber Innovation Hub der Bundeswehr Abhilfe schaffen  (Foto © Bw/Denise Czaja)
Soldatinnen und Soldaten werden immer wieder von Klein- und Kleinstdrohnen überrascht, hier soll das Projekt „Drohnenabwehr aller Truppen“vom Cyber Innovation Hub der Bundeswehr Abhilfe schaffen  (Foto © Bw/Denise Czaja)

Die systematische Auswertung von Kriegen Dritter, das heißt von Kriegen ohne eigene Beteiligung, begleitet Streitkräfte seit Jahrhunderten. Sie schafft Verständnis für die Dynamik bewaffneter Konflikte und ermöglicht die Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten.

Carl von Clausewitz beschreibt diesen Zusammenhang eindringlich: „Im Kriege ist alles sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.“ („Vom Kriege“, 1832-34). Seine Aussage verdeutlicht, wie schnell grundlegende Abläufe unter realen Bedingungen an Grenzen stoßen und warum moderne Streitkräfte Krisen und Kriege aufmerksam beobachten müssen. Lange war die Einsatzauswertung der Bundeswehr auf internationales Krisenmanagement, Einsätze im Inland und Übungen ausgerichtet. Missionen wie KFOR (NATO-Mission im Kosovo), ISAF (NATO-Mission in Afghanistan) oder MINUSMA (UN-Mission in Mali) sowie die Hilfeleistungen zum Beispiel im Kontext des Starkregenereignisses im Ahrtal prägten Methodik und Fokus. Mit dem völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich diese Grundlage. Das Bundesministerium der Verteidigung erweiterte den Auftrag der Einsatzauswertung um ein neues Handlungsfeld, Auswertung von Kriegen Dritter, und führte dafür die operationelle Auswertung ein.

Gemäß Osnabrücker Erlass liegt die Verantwortung für die fachliche Auswertung und Weiterentwicklung der Fähigkeiten in den Bereichen Logistik, ABC-Abwehr, Feldjägerwesen und Zivil-Militärische Zusammenarbeit bei den jeweiligen Fähigkeitskommandos. Für den Bereich Sanitätsdienst trägt das Unterstützungskommando der Bundeswehr (UstgKdoBw) diese Verantwortung in enger Zusammenarbeit mit dem Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr. Das Unterstützungskommando nimmt hierbei eine besondere Rolle ein. Es sichtet und bewertet kontinuierlich rund 250 offene Quellen, analysiert Entwicklungen und leitet fähigkeitsbezogene Beobachtungen unmittelbar an die zuständigen Kommandos weiter. Querschnittliche Beobachtungen sowie alle sanitätsdienstlichen Aspekte werden im UstgKdoBw im engen Zusammenwirken mit dem Kommando Gesundheitsversorgung selbst ausgewertet und anschließend in konzeptionelle Prozesse überführt. Ergänzt wird diese Arbeit durch die Einbindung in multinationale Auswertenetzwerke, die Teilnahme an internationalen Lessons-Learned-Konferenzen und den kontinuierlichen Austausch mit Partnern in NATO und EU. Auf diese Weise entsteht ein integriertes Lagebild, das Entwicklungen sowie internationale Erfahrungen verbindet und diese für die Weiterentwicklung der Bundeswehr nutzbar macht.

Drohnen – der neue Akteur im Gefechts- und Informationsraum

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Kämpfe im Nahen Osten zeigen, wie stark Drohnen das Gefechtsfeld verändert haben. Sie ermöglichen mit lückenloser Aufklärung die Erzeugung eines nahezu gläsernen Gefechtsfeldes mit permanenter Bedrohung durch präzise Waffenwirkung. Bewegungen, Materialströme und Verwundetenversorgung werden schneller erkannt und gezielt bekämpft. Besonders betroffen ist der Sanitätsdienst. Mehrfach wurde dokumentiert, dass kriegsvölkerrechtliche Schutzzeichen, wie zum Beispiel das Rote Kreuz, keinen Schutz bieten, sondern gegnerischen Kräften inzwischen eher als Orientierung dienen. Weiterhin ist zu verzeichnen, dass Drohnen gezielt zur Terrorisierung der ukrainischen Zivilbevölkerung genutzt werden.

Der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat deshalb auf die bestehende Regelungslage explizit hingewiesen: Truppenführer ab Brigadeebene können nach Beratung mit dem Leitenden Sanitätsoffizier und dem Rechtsberater das Abtarnen oder Nichtführen des Schutzzeichens anordnen, wenn dies aus militärischen Gründen erforderlich ist. Der völkerrechtliche Schutz bleibt bestehen, doch die Truppe erhält zusätzliche Handlungsspielräume für die Versorgung unter Bedrohung. Parallel dazu zeigt die Auswertung, dass die Abwehr von Klein(st)drohnen weiterentwickelt werden muss. Drohnen wirken nicht nur an der Front, sondern prägen Logistik, militärpolizeiliche Einsätze, ABC-Abwehr und Sanitätsdienst im rückwärtigen Raum, ein zentrales Lernfeld der operationellen Auswertung. Erste Erprobungen im Unterstützungsbereich liefern Hinweise auf mögliche Verfahren und Mittel, ohne bereits konzeptionelle Festlegungen zu treffen. Auf operativer Ebene wird ein übergreifender Ansatz zur Drohnenabwehr entwickelt.

Von Autorenteam Unterstützungskommando der Bundeswehr

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