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Bedeutung des Kampfpanzers: Ist „der“ Kampfpanzer ein „Gamechanger“?

Sinnbild taktischer Stoßkraft: Ein Kampfpanzer Leopard 2 in voller Angriffsfahrt. (Foto: Bundeswehr / Andrea Bienert)
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Im Februar 2022 entstand innerhalb der deutschen Medienlandschaft die sehr präsente Debatte, ob Kampfpanzer aus westlicher Produktion, allen voran der deutsche Leopard 2, ein „Gamechanger“ im Ukrainekonflikt seien.

Die mediale Betonung der Rolle „des“ Kampfpanzers konnte beim Rezipienten leicht den Eindruck erwecken, ein militärischer Konflikt gleiche gewissermaßen einem Kräftemessen beim Quartettkartenspiel: Es gewinne die Seite, welche eine höhere Anzahl an leistungsfähigeren Waffensystemen über einen längeren Zeitraum einsetzen könne. Das Schlagwort „Gamechanger“ unterstellt in diesem Kontext eine von sich aus überragende Wirkung des Waffensystems.

Vor diesem Hintergrund möchte der vorliegende Artikel eine „handwerkliche“ Gegenperspektive bieten. Nämlich, dass die Wirkung „des“ Kampfpanzers maßgeblich davon abhängt, ob er nach den taktischen Grundsätzen eingesetzt wird, für die er ursprünglich entwickelt wurde.

Insofern muss zuerst die Frage gestellt werden, unter welcher Zielsetzung diese Waffensysteme eingesetzt werden, anhand welcher taktischer Grundsätze ihr Einsatz erfolgt und welche Bedeutung Panzern zur Verwirklichung dieser Ziele und Grundsätze zukommt. Erst mit diesem Verständnis lassen sich in einem zweiten Schritt die taktischen Anforderungen und die darauffolgende technische Entwicklung des Waffensystems richtig einordnen sowie abschließend qualifiziert Stellung zur Eingangsfrage nehmen.

Zielsetzung des Einsatzes von Panzern: Raumgewinne im dynamischen Gefecht

Aus institutioneller Perspektive lässt sich die Zielsetzung ihres Einsatzes griffig anhand der „Operativen Leitlinien für deutsche Landstreitkräfte“ verdeutlichen. Mit diesem Konzeptdokument erließ 2021 der Inspekteur des Heeres eine zentrale Vorgabe für dessen zukünftige Organisation und Doktrin.

Sie definieren das “Erreichen, Gewinnen, Nehmen, Halten und Beherrschen von Räumen im unmittelbaren und dauerhaften Kontakt zum Gegner“ als die herausragendste operative Funktion der Landstreitkräfte und schätzen diese Funktion als so wesensgebend ein, dass sie dem Heer als hauptverantwortliche Teilstreitkraft in der Dimension Land ihr „Alleinstellungsmerkmal“ verleiht. Heruntergebrochen auf die taktische Ebene ist das zentrale Bestreben jedes verantwortlichen Truppenführers also, Gefechte dynamisch zu führen und festgefahrene Frontverläufe zu verhindern.

Ein Kampfpanzer Leopard 2 A6 wechselt während einer Übung im Rahmen der NATO-Zertifizierung der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) im Bewegung mit Folgen: Massive Staubaufwirbelung führt bei trockener Witterung dazu, dass gepanzerte Fahrzeuge (insbesondere Kettenfahrzeuge) schon aus großer Entfernung aufgeklärt werden können. (Foto: Bundeswehr / Geoffrey Thiel)

Taktische Grundsätze für ihren Einsatz: Kombination aus „Feuer“ und „Bewegung“ sichert örtliche Überlegenheit

Verwirklicht wird dies maßgeblich dadurch, die Elemente „Feuer“ und „Bewegung“ zu kombinieren. Beide Elemente sind eng miteinander verzahnt – dies bedeutet konkret: Erst dadurch, dass ein Truppenteil Feuerunterstützung gibt, wird die Bewegung eines anderen Truppenteils ermöglicht. Feuerunterstützung kann direkt von im gleichen Raum eingesetzten Kampftruppen oder indirekt aus dem rückwärtigen Raum des Gefechtsfelds heraus gegeben werden. Dies erfolgt bspw. durch Artillerie. Erst auf Grundlage dieses Prinzips kann die Bewegung Stoßkraft entwickeln. Weitere wichtige Voraussetzungen für die Behauptung auf dem Gefechtsfeld (eben das Erreichen, Gewinnen, Nehmen, Halten und Beherrschen von Räumen im unmittelbaren und dauerhaften Kontakt zum Gegner) sind außerdem der Schutz der eingesetzten Kräfte und Mittel sowie deren schnelles Reaktionsvermögen. Entscheidend ist es, Bewegungsschwung und -schnelligkeit seiner Manöverelemente zu initiieren und zu festigen. Je besser es gelingt die Kräfte und Mittel nach Raum und Zeit einzusetzen, desto höher ist der Erfolg der Operation. So wird es dem Truppenführer möglich, den entscheidenden Effekt militärischen Erfolgs zu verwirklichen: Dem Gegner an dessen schwächster Stelle durch örtliche Überlegenheit den eigenen Willen aufzuzwingen.

Ein Panzerzug bestehend aus zwei Schützenpanzer Marder und zwei Leopard 2A6 vom Panzerbataillon 212 in Vorbereitung zur Übung Dragoon 15 auf dem Truppenübungsplatz Orsysz in Polen, am 15.10.2015.

Bedeutung der Kampfpanzer für die Verwirklichung der taktischen Ziele

Feuerkraft, Beweglichkeit und hoher Panzerschutz sind die zentralen Eigenschaften des Waffensystems  Kampfpanzer und skizzieren damit die Bedeutung der Panzertruppe als der Hauptträger des beweglichen Gefechtes. Wie es sich real in gegenwärtigen Gefechtsszenarien auswirkt, lässt sich jedoch maßgeblich nach seinem Einsatzpotential im „Orchester“ des „Gefechts der verbundenen Waffen“ beurteilen. Nur durch das Zusammenwirken mit anderen Waffengattungen – allen voran den Panzergrenadiere – können seine konzeptionellen und technischen Schwächen ausgeglichen und seine Stärken ausgespielt werden. „Der“ Kampfpanzer an sich ist also nicht mehr und nicht weniger als ein „Effektor“ von vielen, um taktische Maßgaben im Gesamtkonstrukt eines Wirkverbundes zu realisieren.

Immer wieder eindrucksvoll: die Feuerkraft des Kampfpanzers. (Foto: Bundeswehr / Sebastian Moldt)
Als Teil einer Feuereinheit unterstützen
sich Kampfpanzer gegenseitig bei der Bekämpfung des Feindes. Die Feuerleitung obliegt hierbei dem Zugführer. (Foto: Bundeswehr / Geoffrey Thiel)

Taktische Anforderungen an den „Effektor“ Kampfpanzer und seine danach ausgerichtete technische Entwicklung

Nachdem die Bedeutung „des“ Kampfpanzers für die Gefechtsführung eingeordnet wurde, lohnt sich ein vertiefender Blick darauf, was ihn zum effektiven „taktischen Werkzeug“ macht und seine Entwicklung vorantreibt. Die Gefechtselemente „Feuer und Bewegung“ brechen sich auf Ebene des Einzelfahrzeugs auf die Faktoren

  • Feuerkampf
  • Beweglichkeit (inklusive Führbarkeit und Vernetzung)
  • und Überlebensfähigkeit der Besatzung herunter.

Letztere resultiert einerseits aus deren Schutz gegen die Wirkung gegnerischer Waffensysteme und andererseits aus ihrer Befähigung, das anfängliche Leistungsniveau über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten (sog. „Durchhaltefähigkeit“).

An dieser Stelle muss klar herausgestellt werden, dass die Effektivität des Waffensystems Kampfpanzer dabei stets nur zu einem Teil von seiner technischen Entwicklungsstufe abhängt. Je besser die Besatzung in der Lage ist, mit den Besonderheiten des Waffensystems umzugehen, desto routinierter und dadurch schneller kann sie die Maßnahmen der Bewegung und des Feuerkampfs im Gefecht umsetzen.

Feuerkampf

Die wesentlichen Aspekte des Feuerkampfs lassen sich am anschaulichsten anhand seiner chronologischen Abfolge verdeutlichen. Dessen Ziel ist es, den Gegner schnell und möglichst mit dem ersten Schuss zu treffen und zu vernichten. Der Bekämpfungsprozess gliedert sich dabei in die Unterprozesse der Gefechtsfeldbeobachtung, des Aufklärens von Zielen und deren Beurteilung, der Zielzuweisung, der Waffen- und Munitionswahl, der Feuereröffnung, der Schussbeobachtung und der Schussverbesserung im Falle eines Fehlschusses sowie schlussendlich des Wirkungsschießens. Gemäß der Panzerweisheit „Es gewinnt, wer schneller schießt und besser trifft“ kommt es hierbei auf die schnelle und präzise Umsetzung der Einzelschritte an, um so den entscheidenden Vorteil in einer Duellsituation inne zu haben. Einführung in die Truppe vor 45 Jahren nicht am Leistungslimit entwickelt.

Blick ins Innere eines Kampfpanzers Leopard 2: die digitale Lagekarte des Battle-Management-Systems
„Sitaware Frontline“ am Platz des Panzerkommandanten. (Foto: Bundeswehr/Jonas Weber)

Dies erlaubte eine stete Verbesserung der technischen Komponente – hier insbesondere der Feuerkraft – die mit mehreren Kampfwertsteigerungen vielfältig und umfassend genutzt wurde:

  • Verbesserte Optiken des Richtschützen und Kommandanten erreichen die Beschleunigung und qualitative Verbesserung der optischen Zielaufklärung.
  • Die Verlängerung des Rohres, Veränderungen an Einzelkomponenten der Feuerleit- und Waffenanlage, sowie die Reduzierung der Munitionsstreuung erhöhen die taktisch relevante Fähigkeit, den Feind außerhalb der Reichweite seiner Waffen bekämpfen zu können (Reichweitenüberhang)
  • Die Einführung der HE-Munition (High Explosive) mit lageanpassungsfähig einstellbarem („tempierbarem“) Zündverhalten trägt zur Erweiterung des Zielspektrums und somit des abbildbaren Einsatzszenars – insbesondere in urbanen Räumen – bei.

Beweglichkeit

Die Beweglichkeit im Sinne der bloßen schnellen Fortbewegung von A nach B in jeglichem Gelände ordnet sich immer der Führbarkeit des Einzelfahrzeugs und des Zuges unter. Jede Planungs- und Führungsleistung geht ins Leere, wenn sie nicht mit geeigneten Kommunikationsschnittstellen verzugslos weitergegeben, konkretisiert, umgesetzt und ihre Wirkung wieder rückgemeldet werden kann.

Insofern spielt die Implementierung digitaler Battle-Management-Systeme, inklusive einer Eigen- und Feindlagedarstellung für die Beschleunigung der Gefechtshandlungen und die Verbesserung ihrer Zielgerichtetheit, die weitaus entscheidendere Rolle als die bloße Leistungssteigerung der Antriebskomponenten.

Schutz der Besatzung

Der Leopard 2 bietet bei direktem Beschuss mit unterschiedlichen Wirkkörpern ein hohes Schutzniveau. Neben ursprünglichen Konstruktionsmerkmalen, wie beispielsweise der Trennung von Besatzung und Munition, führen Detailnachrüstungen, wie die Auskleidung des Kampfraumes mit Splitterschutzplatten zur Erhöhung der Überlebensfähigkeit der Besatzung. In der neuesten Version wird das Schutzniveau um das abstandsaktive Hardkill-Schutz Schutz der Besatzung Der Leopard 2 bietet bei direktem Beschuss mit unterschiedlichen Wirkkörpern ein hohes Schutzniveau. Neben ursprünglichen Konstruktionsmerkmalen, wie beispielsweise der Trennung von Besatzung und Munition, führen Detailnachrüstungen, wie die Auskleidung des Kampfraumes mit Splitterschutzplatten zur Erhöhung der Überlebensfähigkeit der Besatzung. In der neuesten Version wird das Schutzniveau um das abstandsaktive Hardkill-Schutzsystem „TROPHY“ erweitert, das anfliegende Panzerabwehrprojektile schon vor ihrem Einschlag vernichten kann.

Auch ein effektives Mittel zum Schutz des Waffensystems im Gefecht: Multispektralbordnebel ist wirkungsvoll,
um sich der Sicht des Gegners zu entziehen – hier beim Ausweichen eines Panzerhalbzugs vor dem Feind. (Foto: Bundeswehr / Sebastian Moldt)

Durchhaltefähigkeit und Ergonomie

Die Anpassung der Arbeitsbedingungen im Kampfraum an die Erfordernisse der sich dort tagelang aufhaltenden Besatzung ist ein immanentes Kriterium. Denn letztlich ist der Kampfpanzer das Werkzeug der Besatzung, um ihren Auftrag bestmöglich umsetzen zu können. Hier spielen viele „weiche Faktoren“ eine Rolle. Dazu gehören unter anderem die Einführung einer geräuschunterdrückenden Bordverständigungsanlage oder die Einrüstung einer Kampfraumkühlanlage, um die Konzentrationsfähigkeit der Besatzung auf ihren Auftrag konstant hoch zu halten.

Natürlich wäre es einseitig zu behaupten, der Kampfpanzer folge mit seiner Entwicklung linearen, durch die Vorschriften der Truppenführung exakt vorgegebenen Entwicklungsschritten. Denn auch der Faktor der „Obsoleszensbereinigung“ treibt ihrerseits die technische Erneuerung der Fahrzeugflotte an. Ersatzteile für in Nutzung befindliche Fahrzeugversionen und Rüststände gehen werksseitig aus der Produktion und sind nicht mehr für die Instandhaltung verfügbar. Auch in der Praxis erkannte Fähigkeitslücken, die in der taktischen Vorschriftenlandschaft nicht explizit abgebildet werden, dienen als Motor für Neuerungen und Fortentwicklungen.

Zusammenfassung und Gesamtfazit

Die Funktion gepanzerter Kräfte ist es, militärischen Operationen Dynamik zu verleihen und das verlustreiche Festfahren von Frontlinien zu verhindern. Dieser „Markenkern“ des Heeres ist maßgebliche Richtschnur für den Einsatz seiner Kampfverbände – allem voran der Panzertruppen als Hauptträger des beweglichen Gefechts. Dynamik entsteht vor allem durch das Vermögen, stoßkräftige Bewegungen mit weitreichender Wirkung koppeln zu können, um örtliche Überlegenheiten zu erzielen.

Hier ist der „Effektor“ Kampfpanzer als „letztes Glied der taktischen Kette“ eins von mehreren Werkzeugen im taktischen Wirkverbund. Wie sehr er sich auswirkt, hängt zum Teil von zahlenmäßigen Kräfteverhältnissen sich gegenüberstehender Kräfte sowie deren technischen Entwicklungsstand ab. Letzteres reflektiert sich auf Ebene des Einzelfahrzeugs an den Faktoren Feuerkraft, Beweglichkeit, Schutz der Besatzung sowie Durchhaltefähigkeit und Ergonomie.

Viel entscheidender ist jedoch der taktisch „artgerechte“ Einsatz des Waffensystems als Teil des „Gefechts der verbundenen Waffen“. Nur im Zusammenwirken mit anderen Waffengattungen – allen voran der Panzergrenadiere – können seine Schwächen ausgeglichen und so sein höchster Einsatzwert erzielt werden. Deshalb sollte insbesondere der letzte Punkt ein zentrales Denkkriterium sein. Unter Referenz auf die eingangs aufgeworfene Frage nach der Bedeutung „des“ Kampfpanzers beantworten sich damit die abschließend gestellten Fragen wie folgt: Der Kampfpanzer kann kein „Gamechanger“ auf dem Gefechtsfeld alleine sein. Die Panzertruppen können ein „Gamechanger“ sein, solange sie gemäß ihrer Einsatzgrundsätze eingesetzt werden.

Autor: Hauptmann David Schönhals ist Kompanieeinsatzoffizier der 2./Panzerbataillon 363.

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