hhk-logo-small

Ihre Sucheingabe

[naviPost_search]

CH-47F – Ein Schritt hin zur Landes- und Bündnisverteidigung im NATO-Rahmen

60 Schwere Transporthubschrauber sollen beschafft werden. (Foto © Boeing)
Advertisement
Login für Abonnenten

Erhalten Sie jetzt einen Zugang zu den Magazinen von Hardthöhenkurier:

Partner unsere Sonderpublikationen

AFCEA Sonderpublikationen

Am 5. Juli 2023 stimmten der Verteidigungs- und Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages der Beschaffung eines neuen Schweren Transporthubschraubers (STH) für die Bundeswehr der Firma Boeing CH-47F Block II Standard Range mit Luftbetankungsfähigkeit zu. Damit geht das Beschaffungsprojekt „Schwerer Transporthubschrauber“ nun in die lang erwartete Realisierung. Diesem Entschluss vorausgegangen war die letztjährige richtungsweisende Auswahlentscheidung der damaligen Bundesministerin der Verteidigung, in der sich das Muster CH-47F durchsetzte. Das Projekt ist kein neues Vorhaben, vielmehr die konsequente Fortsetzung konzeptioneller Forderungen seit Anfang des Jahrtausends nach der Beschaffung eines vertikal start- und landefähigen Lufttransportsystems sowie eines Luftfahrzeuges für die bewaffnete Suche und Rettung. Einfluss fanden zudem auch die in der NATO Army Armaments Group (NAAG) Joint Capability Group Vertical Lift (JCGVL) erarbeiteten gemeinsamen Forderungen, welche in den „Future Heavy Transport Helicopter NATO Staff Requirements“ festgeschrieben wurden. Startschuss des Projekts war dann schlussendlich die Zeichnung des Vorhabens der Mittelfristplanung „Schwerer Transporthubschrauber“, mit dem das Planungsamt der Bundeswehr am 1. Juli 2015 beauftragt wurde, das Dokument „Fähigkeitslücke und Funktionale Forderung“ vorzulegen. Während ein erster Ansatz der Projektrealisierung noch über den Beschaffungsweg Direct Commercial Sales im Jahr 2020 seitens des BMVg abgebrochen wurde, erfolgt die nun laufende Beschaffung der Hubschrauber über das Foreign Military Sales-Programm. Das Paket umfasst neben 60 Hubschraubern (59 CH-47F für die Luftwaffe sowie eine für die Wehrtechnische Dienststelle 61 in Manching) auch die Beschaffung der benötigten Missionsausstattung, Ersatzteilen, verschiedener Simulatoren und Mittel für die fliegerische und technische Ausbildung, Prüf- und Sonderwerkzeugen, der Erstausbildung des fliegenden und technischen Personals sowie die initiale technisch-logistische Unterstützung für die ersten drei Jahre des Flugbetriebes.

Die Auslieferung der ersten CH-47F nach Deutschland soll in knapp dreieinhalb Jahren im Herbst 2027 erfolgen. Ende 2032 wird die Auslieferung der letzten CH-47F für die Bundeswehr erwartet. Die CH-47F löst den bisherigen größten Hubschrauber der Bundeswehr, die CH-53G der Firma Sikorsky ab, welche Ende 2030 ihr Nutzungsdauerende erreichen wird.

Die bisher durch die CH-53G abgedeckten Aufgaben des operativen und taktischen Lufttransports einschließlich des qualifizierten Patientenlufttransports (Aeromedical Evacuation), der Unterstützung von luftbeweglichen Operationen sowie der Unterstützung von Spezialoperationen in der Dimension Luft, einschließlich der Aufgaben Hostage Release Operations und Evakuierungsoperationen im Rahmen des Nationalen Risiko- und Krisenmanagements, werden durch die CH-47F vollständig übernommen und wegen ihrer größeren Zuladung, der größeren Reichweite sowie der zusätzlichen und moderneren Ausstattung sogar weiter ausgebaut. Diese Vorzüge werden auch bei Hilfeleistungen im Inland wie der Fluthilfe oder der Waldbrandbekämpfung von großem Nutzen sein. Darüber hinaus wird mit dem Hubschrauber künftig auch erstmalig die bestehende Fähigkeitslücke der „bewaffneten Suche und Rettung“ (Combat Search and Rescue, CSAR) im Bereich der Rettungs- und Rückführungsoperationen in den Streitkräften geschlossen. Die Beschaffung der CH-47F bedeutet neben organisatorischen Veränderungen für das Hubschraubergeschwader 64 auch infrastrukturelle Herausforderungen. Insgesamt werden 47 der 60 Hubschrauber am Standort Schönewalde und zwölf am Standort Laupheim stationiert. Der Aufwuchs beginnt in Schönewalde ab 2027 mit Zulieferung des ersten Luftfahrzeuges, gefolgt von Laupheim ab Mitte 2030.

Mit dieser Aufteilung geht der Umzug der Führung des Geschwaders von Laupheim nach Schönewalde einher, die bisher dort verortete Lufttransportgruppe wird aufgelöst. Am Standort Schönewalde werden zukünftig in drei fliegenden Einsatzstaffeln CH-47F die Aufgaben Lufttransport, die Unterstützung von luftbeweglichen Operationen und Combat Search and Rescue abgebildet. Am Standort Laupheim wird mit Weggang des Geschwaderstabes eine dislozierte Einsatzgruppe Special Operations Forces Air (SOF Air) mit einem separaten Stabsanteil zur Gestellung einer Special Operations Air Task Group für die NATO aufgestellt. Neben einer Einsatzstaffel CH-47F führt diese Gruppe die Einsatzstaffel H145M LUH SOF, welche mit der jüngsten Entscheidung zur Beschaffung des leichten Kampfhubschraubers (LUH/LKH) für die Bundeswehr auf insgesamt 25 Hubschrauber (15 H145M LUH SOF und perspektivisch zehn H145M LKH SOF) anwächst. Damit wird der Fokus des Standorts Laupheim zukünftig auf der Durchführung und Unterstützung von Spezialoperationen in der Dimension Luft liegen.

Auch wenn die Voraussetzungen für den Anfangsflugbetrieb an beiden Standorten in der Bestandsinfrastruktur bereits als gegeben angesehen werden, so sind Baumaßnahmen von insgesamt gut einer Dreiviertelmilliarde Euro über die nächsten Jahre erforderlich, um beide Standorte für den Zielflugbetrieb zu er tüchtigen. Diese Ertüchtigung umfasst nicht nur die Aufnahme und den Betrieb der Hubschrauber an den jeweiligen Standorten, sondern berücksichtigt alle infrastrukturellen, IT-relevanten und operationellen Erfordernisse, um die Flugplatzinfrastruktur für den Einsatzflugbetrieb im Rahmen des Grundbetriebs und der Landes- und Bündnisverteidigung robust aufzustellen. So gilt es beispielsweise zusätzlich Forderungen aus dem Flugplatzkonzept der Bundeswehr umzusetzen, um die Abfertigung von Transportflugzeugen bis hin zu der Größenordnung Antonow An-124, Lockheed C-5 Galaxy oder Airbus Beluga XL am Standort Schönewalde künftig zu ermöglichen.

Dem Wechsel auf das neue Waffensystem CH-47F folgt eine grundsätzliche Verlagerung der Ausbildung. Während für die fliegerische Aus- und Weiterbildung CH-53 historisch bedingt Flugsimulatoren am Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum in Bückeburg genutzt wurden, werden für CH- 47F Flugsimulatoren mit (Schönewalde) und ohne (Laupheim) Bewegung an den Geschwaderstandorten ausgebracht. Zusätzlich werden sogenannte Rear Cabin Trainer zur Simulatorgestützten Ausbildung der Luftfahrzeugladungsmeister und Bordsicherungssoldaten beschafft. Alle Simulatoren können vernetzt werden und sollen künftig auch die Einbindung in den Simulationsverbund der Bundeswehr ermöglichen. Die Waffensystem-spezifische Ausbildung des technischen Personals erfolgt zukünftig in Verantwortung des Technischen Ausbildungszentrums der Luftwaffe am Standort Schönewalde. Eine Vielzahl an modernen, technischen Ausbildungsmitteln wird dazu mit dem Projekt „Schwerer Transporthubschrauber“ mitbeschafft. Der Betrieb des neuen Hubschraubers erfolgt analog zu den anderen Waffensystemen schon von Beginn an im DEMAR Regelungsraum. Diese Vorgabe bringt Herausforderungen gerade für die Bereiche der Luftfahrzeugtechnik und Waffensystemsteuerung mit sich, da es nicht nur die Aufnahme eines neuen Luftfahrzeugmusters, sondern auch die Anwendung dieser neuen Regelungslandschaft für dessen Betrieb und Ausbildung zu berücksichtigen gilt.

Die Fähigkeit zur Luftbetankung ist explizit gefordert. (Foto © Boeing)

Auch im Bereich der fliegerischen Ausbildung gibt es eine wesentliche Änderung: Zukünftig werden junge Besatzungsmitglieder CH-47 nicht in Deutschland, sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika bei der United States Army beziehungsweise der Army National Guard unmittelbar im Anschluss an ihre Hubschrauberführergrundausbildung direkt auf ihr Einsatzmuster CH-47F geschult. Nur unter Anwendung dieser Maßnahme und Rückgriff auf die umfassenden US-amerikanischen Ausbildungskapazitäten auch zur Realisierung der erforderlichen Umschulungen des Bestandskörpers der fliegenden Besatzungen des Verbandes ist die dringend benötigte Einführung der CH-47F bis zum Nutzungsdauerende der CH-53 in 2030 zu realisieren.

Mit der Entscheidung zur Beschaffung der CH-47F Chinook ist Deutschland dem großen Nutzerkreis dieses Hubschraubertyps beigetreten, welcher nun 21 Nationen, davon neben Deutschland acht weitere NATO-Partner, umfasst. Allein diese NATO-Partner betreiben ohne Berücksichtigung der US-amerikanischen Hubschrauber nahezu 200 CH-47. Mit Blick auf diese Zahlen zeichnet sich eine Vielzahl an Kooperationsmöglichkeiten ab, insbesondere mit den anderen europäischen CH-47-Nutzernationen. Eine Tatsache, welche hinsichtlich der Refokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung zunehmend an Bedeutung gewinnt. Von der gemeinsamen Ausbildung, dem Betrieb, der Harmonisierung beziehungsweise Standardisierung von Verfahren, der Wartung und Instandsetzung bis hin zur Ersatzteilversorgung bieten sich viele Chancen der Zusammenarbeit, wie sie bereits bei anderen „europäischen“ Waffensystemen wie dem Airbus A400M erfolgreich beschritten werden. Gerade das für die Bundeswehr neue Feld der Luft-zu-Luft-Betankung von Hubschraubern ermöglicht eine musterübergreifende, europäische Zusammenarbeit zum Aufund Ausbau dieser Fähigkeit.

Nicht nur aktuell, sondern auch zukünftig stellen Hubschrauber, insbesondere in dieser herausgehobenen Leistungsklasse, in nahezu allen vorstellbaren Einsatzszenarien eine dringend benötigte fähigkeitsstiftende Ressource dar. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Dreiviertel der deutschen CH-47F zur Erfüllung der durch die NATO zugewiesenen Planungsziele eingemeldet wurden. Es gilt nun, die vor uns liegende Zeit bis zur Auslieferung der ersten CH-47 2027 effizient zu nutzen, um die Aufnahme sowie den Betrieb der CH-47F Chinook in die Luftwaffe bestmöglich vorzubereiten.

Oberst i.G. Christian Guntsch ist Beauftragter des Inspekteurs der Luftwaffe für das Waffensystem CH-47F im Kommando Luftwaffe.

 

 

 

Verwandte Themen: