Clausewitz meets Leaderboard

Screenshot Video mit Kommandeuren der Droneline (Foto © droneline.army.gov.ua)
Screenshot Video mit Kommandeuren der Droneline (Foto © droneline.army.gov.ua)

Die Ukraine vereint das Konzept der Ermüdung mit datengetriebenem Drohnenkrieg

Seit nunmehr vier Jahren versucht Russland, die Ukraine militärisch zu unterwerfen. Zu Beginn des fünften Jahres der russischen Vollinvasion schafft es die Ukraine aber immer noch, sich des Ansturms zu erwehren. Moskau ist es nicht einmal gelungen, auch nur einen der im Herbst 2022 als russisches Staatsgebiet erklärten vier Oblaste Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk vollständig zu erobern, hat aber schon weit über eine Million Soldaten verloren.

Verluste, die der Kreml hinzunehmen gewillt ist, wohl im Vertrauen darauf, aufgrund des höheren Mobilisierungspotenzials die Ukraine irgendwann doch überwältigen zu können. Sei es, indem die Front durch konstante Offensiven doch irgendwo aufreißt. Sei es, dass die ukrainische Bevölkerung, zermürbt durch stetiges Bombardement und Zerstörung der Energieinfrastruktur, die eigene Regierung zur Aufgabe bewegt. Sei es, dass Kiew wegen der Länge des Krieges sowie steter Drohungen Russlands seine internationale Unterstützung verliert, insbesondere aus Europa.

Putin zeigt keine Anzeichen, den Krieg beenden zu wollen, bevor er nicht seine Ziele erreicht hat. Den Menschen in der Ukraine ist dies bewusst. Ihnen ist bewusst, dass sie in einem symmetrisch geführten Krieg gegen den um ein Vielfaches größeren Nachbarn auf Dauer chancenlos sein würden. Sie haben den Ausspruch geprägt, dass man eine große sowjetische Armee nicht mit einer kleinen sowjetischen Armee besiegen kann. Ihnen ist bewusst, dass die Unterstützung durch den Westen nicht reichen wird, um das bislang verlorene Staatsgebiet zurückzuerobern. Die Sommer-/Herbstoffensive 2023, in der es nicht gelang, genug Kräfte zu massieren, um zum Asowschen Meer durchzustoßen, hat dies verdeutlicht. Ihnen ist aber auch bewusst, was russische Besatzung bedeutet, und sind nicht bereit aufzugeben. Denn auch Russland zeigt hinter der Propaganda Risse; es ist nicht unerschöpflich. Die Wirtschaft stagniert; der Krieg verarmt und verschuldet den Staat und die Bevölkerung; die russischen Streitkräfte können ihre Verluste oft nur quantitativ, nicht aber qualitativ ausgleichen. Und Putin scheint oft mehr damit beschäftigt zu sein, sein Regime zu stabilisieren und die Zügel im Inneren anzuziehen, als sich auf die Kriegsführung in der Ukraine zu konzentrieren. In diesen Rissen sieht die Ukraine eine Siegchance. Zumindest die Chance auf einen günstigen Waffenstillstand. Dazu muss es aber gelingen, den Preis für die russische Aggression so in die Höhe zu treiben, dass Russland schneller in den Abgrund taumelt als die Ukraine,

Die Ukraine kann dabei nicht darauf hoffen, die Initiative durch klassische Offensivoperationen an sich zu reißen. Sowohl die gescheiterte Offensive 2023 als auch der Angriff in den Raum Kursk 2024 haben gezeigt, dass größere Operationen zwar möglich , aber taktische Erfolge, die keinen Durchbruch erzielen, auf Dauer nicht durchzuhalten und die eingesetzten Kräfte letzten Endes unverhältnismäßig abgenutzt sind. Für die Ukraine stellt sich also die Frage nach einer Strategie, die zu einem Sieg aus der Defensive verhilft.

Entscheidung aus der Defensive

Da er sah, daß auch die Siege ihm zu viel kosteten, so versuchte er es, mit wenigerem auszukommen; es kam ihm nur auf Zeitgewinn an, nur auf die Erhaltung dessen, was er noch besaß, er wurde mit dem Boden immer ökonomischer und scheute sich nicht, in ein wahrhaftes Kordonsystem überzugehen.
Carl von Clausewitz – Vom Kriege, Achtes Buch: Kriegsplan

Ein Verteidiger kann einen Angreifer schlagen, ohne selbst offensiv zu werden. Die Voraussetzung: Der Angreifer muss dauerhaft abgenutzt und ermüdet werden, indem er sein Offensivpotenzial schneller verliert, als er es ersetzen kann, auch in Relation zum Potenzial des Verteidigers. Clausewitz hat eine solche Ermüdungsstrategie in „Vom Kriege“ beschrieben. Sie ist für ihn das Mittel der Wahl des relativ Schwächeren, einen Angreifer bei hoher Intensität und günstigem Verlustverhältnis über die Zeit zu besiegen. Indem er auf eigenem Territorium eine starke Verteidigung und die Versorgung über die Innere Linie nutzt, verwehrt der Verteidiger dem Angreifer Erfolge und nutzt ihn dabei so ab, dass dieser sein Angriffsmoment nicht auf Dauer aufrechterhalten kann. Der Angreifer ist daher gezwungen, durch erhöhte Anstrengung Erfolge zu erzwingen. Oder sein Unterfangen abzubrechen. Fehlen ihm die Mittel, den Verteidiger auszuhebeln oder anderweitig zu schlagen, arbeitet die Zeit eher gegen ihn als gegen den Verteidiger. Für den Verteidiger ist es dabei zunächst ausreichend, dem Gegner lediglich den Angriffserfolg zu verwehren. Besonders günstig ist es für den Verteidiger, wenn der Angreifer die Strategie annimmt und auf für ihn ungünstigem Terrain versucht, den Verteidiger angriffsweise abzunutzen und zu überwältigen, weil er politisch-strategisch dazu gezwungen ist. Hierfür gibt es prominente historische Beispiele. Eines davon ist die Schlacht um Verdun im Ersten Weltkrieg, als das Deutsche Reich die französischen Kräfte abnutzen wollte, es aber nicht gelang, die dazu notwendigen Stellungen zu nehmen. Die Deutschen waren daher zu stetigen, ungünstigen Offensivbemühungen gezwungen, die im Endeffekt die eigenen Kräfte genauso ausbluten ließen wie die französischen.

Eine vergleichbare Konstellation liegt Anfang 2026 in der Ostukraine vor. Russland muss politisch verwertbare Resultate vorweisen und immer weiter angreifen. Gegen eine ukrainische Verteidigung, die zwar ausgedünnt ist und langsam Gelände preisgibt, diese Zeit aber nutzt, um russische Kräfte in einem günstigen Verhältnis abzunutzen. Die Ukraine hat unter anderem in Bachmut, Awdijiwka und Pokrowsk bewiesen, dass sie auch Klein- und Mittelstädte über Monate hinweg halten und den Angreifern jeweils Verluste in Größenordnung einer Armee zufügen kann. Als nachteilig hat sich erwiesen, dass Russland über die Zeit dennoch inkrementelle Ge ländegewinne erzielt und die verteidigende Infanterie über die Zeit verloren geht, insbesondere in der Schlussphase der Kämpfe um eine Stadt, wenn Kräfte eingeschlossen werden. In Anbetracht der russischen materiellen und personellen Überlegenheit würde der Versuch, ohne eigene Adaption Russland zu ermüden, lediglich einen „Tod auf Raten“ bedeuten.

Von Andreas Rapp

Andreas Rapp ist Militäranalyst des German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS). Der Thinktank der Bundeswehr in Hamburg forscht und berät zu militär- und sicherheitspolitischen Fragen.

Den kompletten Beitrag lesen Sie im IT-Report 2026.

(Foto © MRV)
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