Der KI-gestützte Gefechtsstand

Mit Gemini 3 Pro Image erstelltes Phantasiebild einer Gefechtsstandzelle mit KI Unterstützung. (Foto © Bw)
Mit Gemini 3 Pro Image erstelltes Phantasiebild einer Gefechtsstandzelle mit KI Unterstützung. (Foto © Bw)

Zentrales Element der KI-zentrierten Gefechtsführung

Die aktuelle Konfliktrealität in der Ukraine markiert einen tiefgreifenden Epochenbruch sowohl in der Gefechtsführung als auch in der Art und Weise, wie Gefechtsstände eingesetzt werden. Klassische, konzentrierte Gefechtsstände im Stil des Kalten Krieges sind zu einem akuten Hochrisikoziel mutiert.

Die Fusion von hochauflösender Aufklärung und reichweitenstarker Präzisionsmunition sowie der Einsatz von Kampfdrohnen großer Reichweite eliminieren die bisherige operative Tiefe des Gefechtsfelds als Schutzfaktor. Führung muss zukünftig aus wesentlich kleineren und beweglichen Einrichtungen stattfinden. Der Schutz durch Feldbefestigung und Beweglichkeit wird zu einer dominanten Forderung.

Im ukrainischen Operationsgebiet dominiert heute eine modulare, dezentrale Gefechtsstandarchitektur aus voneinander getrennten, unterirdisch angeordneten und dennoch schnell verlegbaren Gefechtsstandzellen. De facto bedeutet dies, dass die gleichen Aufgaben in kürzerer Zeit mit verringerter Personalstärke und unter erschwerten räumlichen Bedingungen erledigt werden müssen. Der Anspruch an die Qualität der Arbeitsergebnisse ist dabei gleichermaßen hoch geblieben, denn Führungsqualität und Operationserfolg sind untrennbar miteinander verbunden. Der erkannte strukturelle Bedarf zur Anpassung der Führungsorganisation ist auf jede moderne Armee und damit auch auf die Durchführung von Landoperationen in der Bundeswehr übertragbar. Die zugrunde liegenden Konzepte werden aktuell überarbeitet, sodass die Fähigkeitsentwicklung der Landstreitkräfte rasch angepasst werden kann. Da die verteilte Struktur im Vergleich zum klassischen Vorbild mit vielerlei Einschränkungen einhergeht, sollte frühzeitig überlegt werden, wie die sich abzeichnenden Defizite ausgeglichen werden können. Neue Fähigkeiten im Umfeld generativer Künstlicher Intelligenz liefern hier vielfältige Ansatzmöglichkeiten.

Dislozierte Gefechtsstandzellen, in denen leistungsfähige, optimierte KI-Modelle lokal auf mobilen Servern betrieben werden und den militärischen Führungsprozess in vielfältiger Form unterstützen, bilden den Kern der in diesem Artikel vorgestellten Konzeptidee.

Evolution der generativen KI-Systeme

Der zivile KI-Technologiesektor vollzieht derzeit einen fundamentalen Wandel. Bisher konnten leistungsfähige generative KI-Systeme ausschließlich cloudbasiert in großen Rechenzentren betrieben werden. Die Skalierung dieser Systeme wurde mit viel Aufwand vorangetrieben, was dazu führte, dass ihr Betrieb hinsichtlich Hardwareanforderung und Energieverbrauch immer anspruchsvoller wurde. Ob und wann dieser Trend ein Ende findet, lässt sich nur schwer abschätzen.

In neuester Zeit ist zu beobachten, dass auch kompaktere KI-Modelle deutlich bessere Ergebnisse liefern und zunehmend an Akzeptanz gewinnen. Im Gegensatz zu ihren cloudbasierten Vorbildern sind sie oft für bestimmte Aufgaben optimiert. Ihr größter Vorteil aber ist, dass sie auf lokaler Hardware, also beispielsweise auf lokalen Servern oder leistungsfähigen Laptops betrieben werden können. Dieser Trend, angetrieben durch Innovationen in der Softwarearchitektur und Hardware-Fortschritte, schafft die notwendige Voraussetzung für den Aufbau KI-gestützter Gefechtsstandstrukturen.

Operationelle Ableitung

Die „Operationen verbundener Kräfte“ und das „Gefecht der verbundenen Waffen“ definieren den Erfolg der Landstreitkräfte im Gefecht. Wirkungsorientiertes Denken und die ultimative Synchronisation aller verfügbaren, dimensionsübergreifenden Mittel – kinetisch, nicht-kinetisch, national und multinational – auf ein gemeinsames Ziel hin bilden die Grundlage allen Handelns. Das Gefecht der verbundenen Waffen zielt dabei auf die perfekte Orchestrierung von Feuer, Bewegung und Sperren, um die Schwächen des Feindes auszunutzen und die Stärken der eigenen Truppengattungen zu potenzieren. Ohne diese koordinierte Gesamtwirkung bricht die Schlagkraft eines jeden Großverbandes zusammen.

Genau hier liegt die kritische Schnittstelle zur Gefechtsstandarbeit. Die Stabsarbeit ist der Dreh- und Angelpunkt der Synchronisation. Sie muss auf Basis eines verzahnten, dimensionsübergreifenden Lagebildes die räumliche und zeitliche Koordination gewährleisten. In der verteilten und reduzierten Gefechtsstandarchitektur potenziert sich dieser Koordinationsbedarf, während die verfügbare Zeit zur Reaktion signifikant sinkt. Ein hohes Operationstempo unter Einbeziehung aller Kräfte zu garantieren, ist die Überlebensbedingung. Um die Komplexität dieser menschlichen Hochleistung auch in zukünftigen Gefechten beherrschen zu können, wird die KI-gestützte Gefechtsstandarbeit vom optionalen Feature zur existenziellen Notwendigkeit.

Von Thomas Doll und Ugur Uysalp

Oberstleutnant Thomas Doll ist Sachgebietsleiter Wissenschaftliche Unterstützung und OR/M&S Experte im Unterstützungskommando. Oberstleutnant Ugur Uysal ist Lehrgangsteilnehmer Lehrgang Generalstabs-/ Admiralstabsdienst National 2025 an der Führungsakademie der Bundeswehr

Den kompletten Beitrag lesen Sie im IT-Report 2026.

(Foto © MRV)
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