Personalaufwuchs bei der Bundeswehr bleibt unverzichtbar

Personalaufwuchs bei der Bundeswehr: Die Basisausbildung im Rahmen des Neuen Wehrdienstes wird künftig wesentlich in den Händen der Heimatschutzkräfte, hier während der Übung „Vigilant Roland II“, liegen.  (Foto ©Boes)
Personalaufwuchs bei der Bundeswehr: Die Basisausbildung im Rahmen des Neuen Wehrdienstes wird künftig wesentlich in den Händen der Heimatschutzkräfte, hier während der Übung „Vigilant Roland II“, liegen.  (Foto ©Boes)

Schon seit Juli weisen die Meldungen aus dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) darauf hin, dass die Entwicklung im gesetzlich festgelegten Zielkorridor für den Aufwuchs mit 186.000 bis 190.000 Mann im laufenden Jahr liege. Einer Aussage von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius am 13. Oktober zufolge hat die Bundeswehr in diesem Monat bereits die obere Grenze dieser Bandbreite überschritten.

Damit wäre zugleich praktisch schon die Untergrenze für 2027 erreicht. Das wäre ein früher, aber wohl bereits bei der Entstehung eingepreister Erfolg für das Gesetz zum Neuen Wehrdienst, das am Jahresanfang in Kraft getreten ist. Die nächsten Schritte werden dann zunehmend herausfordernder. Ab 2029 steigt die Untergrenze von Jahr zu Jahr nicht mehr nur um 3.000 bis 4.000, sondern 6.000 bis 8.000 Männer und Frauen, die nach dem vereinbarten Willen der schwarz-roten Koalition freiwillig dienen sollen.

Immerhin – dass sich die Personalstärke, die seit Einnahme der ersten Struktur als Freiwilligenarmee nie auch nur die vorgesehenen 185.000 erreichte, zuletzt tatsächlich um vierstellige Zahlen erhöhte, ist an sich schon eine Erfolgsmeldung. Ob ohne oder am Ende doch mit Wehrpflicht, die organisatorischen Weichen für den Aufwuchs sind gestellt. Das betrifft den Aufbau der Musterungsorganisation samt insgesamt 24 Zentren und auch der Kapazitäten für Unterbringung und Ausbildung einer künftigen größeren Truppe.

Anfang August beauftragte das BMVg die Einleitung konkreter vorbereitender Schritte für die Nutzung von fünf ehemaligen Liegenschaften der Bundeswehr und verbündeter Streitkräfte für den Neuen Wehrdienst. Diese Meldung folgte auf eine Mitteilung von Anfang Juli, dass acht Liegenschaften sich aufgrund ihrer Lage, Infrastruktur und Kapazitäten besonders gut für den zeitgerechten Aufwuchs der Streitkräfte mit den entsprechenden Ausbildungskapazitäten eignen würden. Von den damals ausgewählten wurden in der neuen Kaserne in Speyer, die ehemalige Unteroffizier-Krüger- Kaserne inklusive Standortübungsplatz (StOÜbPl) in Kusel, die ehemalige Graf-Stauffenberg-Kaserne samt StOÜbPl in Sigmaringen, die ehemalige niederländische Kanaal-van-Wessem-Kaserne in Soest und die ehemaligen amerikanischen Ray Barracks inklusive des ehemaligen US-Übungsplatzes Ockstadt als Standortübungsplatz in Friedberg.

In Speyer, Kusel und Sigmaringen liefen zu diesem Zeitpunkt laut BMVg bereits intensive Gespräche, die nächsten Schritte würden zeitnah in entsprechenden Absichtserklärungen festgehalten. Zuletzt geschah das etwa in Kusel. Laut Brigadegeneral Hans-Jürgen Neubauer, Beauftragter des Bundesverteidigungsministeriums für die Liegenschaften der Bundeswehr, sollte demnach noch im Oktober ein Vorauskommando von 20 bis 40 Soldaten in die Kaserne einrücken. Bis März 2027 solle diese Zahl auf 100 bis 150 aufwachsen. Im April könnte in Kusel dann die Basisausbildung in einer Ausbildungskompanie der Heimatschutzdivision beginnen.

Personalaufwuchs bei der Bundeswehr – Unterbringung und Ausbildungskapazitäten

Grundsätzlich, so wurde Neubauer zitiert, könnten auf der zur Verfügung stehenden Nutzfläche von 20 bis 25 Hektar mehr als 1.000 Soldaten untergebracht werden. Dazu werde geprüft, welche Gebäude saniert werden müssten und wo möglicherweise Neubauten erforderlich seien. Letzteres geschieht andernorts bereits: Ende August wurden in der Eifelkaserne in Gerolstein die ersten neuen Unterbringungsmöglichkeiten aus dem „Sofortprogramm Infrastrukturbedarf Personalgewinnungsorganisation“ (SIPGO) für Soldatinnen und Soldaten übernommen. Insgesamt sollen durch das bundesweite, vom Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr koordinierte Bauprogramm 4.800 Container mit mehr als 8.600 Unterkunftsplätzen in 32 Liegenschaften entstehen. Nur einen Tag nach der Übergabe in Gerolstein wurde zudem auf der Hardthöhe in Bonn ein Vertragspaket im Rahmen des Projekts „G-CAP Inland Stufe 1“ unterzeichnet.

Das „German Armed Forces – Contractor Augmentation Program“, kurz G-CAP Inland Stufe 1, sieht die Errichtung von 300 Gebäuden in bundesweit etwa 130 Liegenschaften vor. Damit sollen unter anderem mehr als 54.000 zusätzliche Betten verfügbar werden. Bereits ab Ende des ersten Halbjahres 2027 sollen die ersten 14 Gebäude in Nutzung gehen. Errichtet werden standardisierte Kompaniegebäude: Unterkünfte, Funktionsbereiche, Lehrsäle und Waffenkammern. Das gesamte Auftragsvolumen liegt bei rund 4,6 Milliarden Euro.

Wie in Kusel wird die Basisausbildung im Rahmen des Neuen Wehrdienstes wesentlich in den Händen der Heimatschutzdivision liegen, die dazu eine neue Struktur einnimmt. Zu hören war davon bereits Anfang des Jahres, Anfang September kündigte das BMVg dann die Aufstellung von vier Heimatschutzbataillonen mit dreistelliger Nummerierung an den Standorten Leipzig, Merzig, Münster und Trollenhagen ab dem 1. Oktober an. Noch ist nicht offiziell kommuniziert, was das für die bisherigen sechs Heimatschutzregimenter bedeutet.

Strukturänderungen und Neuaufstellungen markieren auch in anderen Truppenteilen die Vorbereitung auf neue Aufgaben. Für den Aufbau einer der NATO zugesagten Aviation Brigade haben die Heeresflieger aus ihren Regimentern ablauforganisatorisch ebenfalls zwei Transporthubschrauberbataillone und ein Kampfhubschrauberbataillon generiert und diese im September mit der Übung „Grüner Falke 2026“ als einsatzbereit für die vorgesehene Verwendung als Korpstruppe an der NATO-Ostflanke zertifiziert.

Von Stefan Axel Boes

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