Rekordflug des LTG 62 – von Wunstorf mit dem A400M bis nach Hawaii

(Foto: Bundeswehr / HF Dennis Wolf)
(Foto: Bundeswehr / HF Dennis Wolf)

Ein Rekordflug im Jubiläumsjahr der Luftwaffe. Circa 12.500 km in unter 17 Stunden Flugzeit und das Non-Stop von Wunstorf nach Hawaii und ohne Unterstützung anderer Verbände oder Nationen. Pünktlich um kurz nach 10:00 Uhr startete der A400M mit der Kennung 54+26 am 23. Juni vom heimischen Fliegerhorst um nach 16 Stunden und 39 Minuten auf der Big Island von Hawaii zu landen. Oberst Markus Knoll erklärt den Ablauf, welche Besonderheiten darin bestehen und welchen Mehrwert diese Fähigkeit des LTG 62 für die Luftwaffe und die Bundeswehr bietet.

Oberst Markus Knoll, Sie sind Kommodore des Lufttransportgeschwaders 62 (LTG 62) und selbst ein erfahrener A400M-Kommandant. Gerade hat ihr Geschwader einen besonderen Flug durchgeführt. Worum handelt es sich und was ist das Besondere daran?

Ja, wir sind von Wunstorf nonstop nach Hawaii geflogen. Das ist für uns etwas ganz Besonderes. Wir haben dabei eine Distanz von circa 12.500 Kilometer zurückgelegt, haben knapp 17 Stunden Flugzeit überbrückt, zusätzlich noch circa drei Stunden Vorbereitungszeit, eineinhalb Stunden Nachbereitungszeit, also fast 24 Stunden im Flugdienst. Das kann nicht mit einer Besatzung durchgeführt werden, daher waren dabei zwei im Einsatz, die sich entsprechend abwechselten.

Der kalkulierte Kraftstoffbedarf für eine solch lange Strecke beträgt circa 76 Tonnen. Obwohl der A400M für weite Distanzen eingesetzt wird, können wir diese Menge jedoch nicht vorab tanken. Das heißt, wir haben mit eigenen Mitteln – also mit unseren eigenen A400M – fliegende Tankstellen betrieben. Damit der A400M nonstop von Wunstorf nach Hawaii fliegen konnte, wurden in zwei Betankungsvorgängen circa 35 Tonnen Sprit an die Maschine abgeben. Für uns war ebenfalls ganz besonders, dass es sich zusätzlich um eine Einsatzerprobung handelte. Dabei wird u.a. geprüft: Kann der A400M das? Können wir das mit eigenen Mitteln, ohne auf ein anderes Flugzeug oder eine andere Nation angewiesen zu sein? Damit wollten wir die Werkzeugkiste des A400M – also das besondere Fähigkeitsspektrum, das er besitzt – nachweisen und erweitern.

Also in einem Satz: Wunstorf, nonstop, Hawaii und das Ganze in unter 24 Stunden.

(Foto: Bundeswehr / HF Dennis Wolf)
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Wie genau wurde das Vorhaben umgesetzt? Wie verlief dabei z.B. die Route?

Die Maschine, deren Route von Wunstorf nonstop nach Hawaii führte, flog dabei zunächst Richtung Norwegen, dann nach Island und weiter nach Norden. Es ging dann Richtung Nordpol, der circa 100 Kilometer südlich passiert wurde und von dort Richtung Süden nach Alaska und dann über den Pazifik nach Big Island, eine der Hawaiianischen Inseln.

Knapp 15 Minuten vor diesem Flugzeug startete in Wunstorf eine weitere Maschine. Dies war die erste fliegende Tankstelle, die zwischen Norwegen und Island für den ersten Betankungsvorgang mit ungefähr 18 Tonnen genutzt wurde und dann nach Norwegen für eine Zwischenlandung abdrehte. Den zweiten eingesetzten Tanker haben wir im Vorfeld in Alaska vorstationiert. Dieser konnte dann nach zwei Dritteln der Strecke den zweiten Betankungsvorgang vornehmen und noch einmal ungefähr die gleiche Menge Treibstoff abgeben.

Bei einem Blick auf die Weltkarte sieht dies nach einem großen Umweg aus. Warum wurde diese Route gewählt?

Dadurch, dass wir so nah an dem Nordpol vorbeifliegen, war es zusätzlich auch eine Erprobungsmöglichkeit für uns, in der Polarregion nonstop zu fliegen und zu navigieren. Das sind Bedingungen, die wir in Europa sonst nicht vorfinden. Ebenfalls sieht die Route, wenn man auf eine flache Weltkarte schaut, wie eine riesengroße Kurve aus und – wie sie angemerkt haben – wie ein Umweg. Wenn man das aber auf einem Globus betrachtet, den manche noch zu Hause stehen haben, dann merkt man, dass dies fast die kürzeste Strecke zwischen Wunstorf und Hawaii ist.

Das ist klingt sehr spannend. Was sind denn bei solch einer Verlegung die Vorteile für das LTG 62 und die Luftwaffe, die sich daraus ergeben?

Also, für die Luftwaffe und für die Bundeswehr erproben wir damit eine neue Fähigkeit und zwar in kürzester Zeit an einen weit, weit entfernten Ort zu kommen. Nehmen wir einmal an, das LTG 62 müsste eine Evakuierungsoperation z.B. irgendwo im Süden des afrikanischen Kontinents durchführen. Hierfür gäbe es zwei Möglichkeiten. Die herkömmlich und im Normalflugbetrieb genutzte Variante wäre, über verschiedene Länder dorthin zu fliegen und immer bei Bedarf einen Tankstopp am Boden zu machen. Hierfür werden jedoch Überfluggenehmigung benötigt, die eine gewisse Kommunikation mit den Ländern erfordern.

Wenn jedoch eine Operation möglichst geheim gehalten werden soll, geht das nur mit dieser Fähigkeit. Dadurch haben wir einen deutlichen Mehrwert. Damit können wir eine zusätzliche Fähigkeit in der Werkzeugkiste der Bundeswehr für die Bereiche Evakuierungsoperation, Hilfeleistung, oder auch für andere Zwecke bereitstellen. Wir verfügen somit über eine Kaltstartfähigkeit komplett aus eigenen Mitteln. Wir müssen nicht erst langfristig vorher bei einer Partnernation einen Großraumtanker anfordern. Das können wir mit unseren eigenen A400M.

(Foto: Bundeswehr / HF Dennis Wolf)
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Kann diese Art der Luftbetankung von jedem Flugzeug ihrer A400M-Flotte vorgenommen werden?

Die Luftbetankung eines anderen A400M kann durch diejenigen erfolgen, die eine sogenannte Hose-Drum-Unit (HDU) besitzen. Hierbei handelt es sich – ganz einfach erklärt – um einen aus der geschlossenen Heckrampe ausfahrbaren Schlauch, an dessen Ende sich ein großer Korb befindet und an den das zu betankende Flugzeug quasi andocken kann, um Kerosin aufzunehmen. Im Laderaum des Tankers befindet sich selbstverständlich noch einiges mehr an technischem Equipment und Zusatzausstattung hierfür.

Es ist jedoch im Prinzip, was wir bei der Betankung von Kampfflugzeugen schon seit circa acht Jahren machen. Die Hauptunterschiede sind, dass der Schlauch nicht an den Seiten der Tragflächen aus den sogenannten Pods, sondern aus der Mitte der Heckrampe mit der HDU ausgefahren wird und das wir nicht andere Partnerverbände und Nationen, sondern uns selbst betanken.

 

(Foto: Bundeswehr / HF Dennis Wolf)
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Sie selbst sind ein erfahrener A400M-Kommandant und haben bereits sehr viele Flugstunden absolviert. Was sind aus ihrer Sicht als Pilot die Besonderheiten und die Herausforderung bei dieser Art der Luftbetankung?

Gerade bei einer Betankung von A400M zu A400M ist das Besondere, dass sie einem anderen großen Flugzeug sehr, sehr nahekommen. Das ist etwas, was wir Piloten in der Regel versuchen zu vermeiden. Man konnte etwas ähnliches am Tag der Bundeswehr bei unserem Formationsüberflug sogar vom Boden aus sehen – was wirklich beeindruckend war – wenn drei so große Transportflugzeug so eng zusammen fliegen. Aber dabei war gefühlt noch viel Abstand dazwischen. Ich kann das beurteilen, da ich selbst am Steuer einer der Maschinen war. In der Luft ist das schon spannend, weil man wirklich sehr aktiv in die Steuerung ein-greifen muss, sowohl bei Geschwindigkeit als auch der Flugzeuglage, damit die Maschinen nicht aneinanderstoßen.

Beim Betankungsvorgang komme ich dem anderen Flugzeug aber so nah, dass ich ihn quasi durch seinen Betankungsschlauch berühre und ich muss diesen Korb erst mal treffen. Das erfordert wirklich hohe Konzentration und Präzision. Sie müssen sich das so vorstellen: Die beiden A400M fliegen mit circa 500 km/h durch die Luft und der Abstand verringert sich auf weniger als 20 Meter. Das ist herausfordernd.

(Foto: Bundeswehr / HF Dennis Wolf)
(Foto: Bundeswehr / HF Dennis Wolf)

Bei diesem jetzt durchgeführten Flug kommt aber noch hinzu, dass die Piloten nicht ausgeruht sind. Bei normalen Betankungsflügen sind sie zum Zeitpunkt einer Betankung ungefähr erst seit sechs Stunden wach und eine Stunde in der Luft. Diesmal musste die Besatzung, nachdem sie schon 18 Stunden wach war und seit über zehn Stunden flog, die gleiche Konzentration an den Tag legen. Denn wenn es drauf ankommt, gibt es nicht unendlich viel Chancen. Entweder es klappt beim ersten, zweiten, oder dritten Mal, oder nicht. Es kann auch etwas anderes dazwischen kommen – wie ein technischen Defekt – dann muss abgedreht werden, um den nächsten sicheren Flugplatz anzusteuern und zu landen. Also es ist spannend. Es ist für uns wirklich spannend. Das haben wir im Simulator schon mehrmals erprobt, aber auf diese Distanz, auf diese Entfernung – das war eine beeindruckende Leistung!

Lufttransportgeschwader 62 Informations- und Öffentlichkeitsarbeit

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