Sicherheit in Häfen: Der Ausweis reicht nicht mehr

"Der Ausweis reicht nicht mehr": Haythem El Mir, CTO von Cypurge, bei seinem Vortrag zu Identitätsbetrug im Hafenbetrieb und in der Lieferkette der Verteidigungsindustrie während der MS&D.
Haythem El Mir, CTO von Cypurge, bei seinem Vortrag zu Identitätsbetrug im Hafenbetrieb und in der Lieferkette der Verteidigungsindustrie während der MS&D. (Foto: MRV/Riccardo di Stefano)

In der maritimen Wirtschaft, wo Werften, Reedereien und Hafenbetreiber mit Tausenden Mitarbeitern und zahlreichen Subunternehmern aus aller Welt zusammenarbeiten, stößt die klassische Identitätsprüfung anhand von Ausweisdokumenten zunehmend an ihre Grenzen. Nach Einschätzung von Haythem El Mir, CTO des Cybersecurity-Unternehmens Cypurge, reicht die klassische Überprüfung von Pässen oder Personalausweisen deshalb künftig nicht mehr aus. Auf der MS&D stellte er am gestrigen Freitag einen neuen Ansatz zur Identitätsprüfung von Mitarbeitern und Subunternehmern vor, der KI-gestützt die sichere Identitätsüberprüfung ermöglichen soll.

„Die Frage, die wir unseren Kunden heute stellen, lautet nicht mehr: Liegt ein gültiges Dokument vor?“, beschreibt El Mir. „Die eigentliche Frage ist: Steht hinter dieser Identität tatsächlich ein echter Mensch – und können wir dieser Person vertrauen?“ Gerade Reedereien, Werften oder Hafenbetreiber arbeiteten heute mit tausenden Mitarbeitern und zahlreichen Subunternehmen aus aller Welt. Die Identitätsprüfung basiere dabei häufig noch immer auf Reisepässen, Personalausweisen oder Führerscheinen. „Diese Dokumente können beweisen, dass sie von einer Behörde ausgestellt wurden“, so El Mir. „Sie können aber nicht beweisen, dass die Person, die sie vorlegt, tatsächlich der rechtmäßige Besitzer ist.“

Besonders kritisch bewertet der Cybersecurity-Experte die Auswirkungen moderner KI-Systeme auf den Dokumentenbetrug: „Früher war das Fälschen eines Ausweises aufwendig, teuer und erforderte Expertenwissen. Heute gelingt dies mit künstlicher Intelligenz wesentlich schneller, günstiger und oft in einer Qualität, die selbst für Menschen kaum noch zu erkennen ist.“
2025 als Jahr der Cyberangriffe

2025 als Jahr der Cyberangriffe

„Wenn wir auf das vergangene Jahr 2025 zurückblicken, war dies ein Rekordjahr in Bezug auf Cyberangriffe“, beschreibt El Mir die Situation in der maritimen Wirtschaft. „Wir sind mit Angriffen aller Art konfrontiert, wie beispielsweise Ransomware-Angriffen, Angriffen im Zusammenhang mit Identitätsdiebstahl, aber auch Eindringversuchen, Sabotage sowie Angriffen auf OT-Systeme – also industrielle Steuerungssysteme, die in Schiffe eingebettet sind. Dieser Anstieg von Cyberangriffen und insbesondere die Art dieser Angriffe stellen somit eine sehr, sehr große Bedrohung dar.“

Die Spezialisten seines Unternehmens hätten genauer auf die genutzten Vorgehensweisen der Angreifer geblickt und dabei durchaus einen roten Faden entdeckt. „Bei dieser Analyse sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass eines der größten Probleme bei Cyberangriffen die Identifizierung ist“, so El Mir. „Wir wissen, dass böswillige Akteure in der Regel nach Zugriffsmöglichkeiten, nach IDs und nach Zugangsdaten suchen. Wir haben schließlich festgestellt, dass einer der wichtigsten Punkte im Informationssystem und im Cyberspace darin besteht, wie wir mit der Identifizierung umgehen und wie wir sicherstellen können, dass diese Identifizierung und diese Zugangsdaten der richtigen Person gehören.“

Herausforderung Identitätsbetrug

Der Identitätsbetrug entwickelt sich somit zu einer der größten Herausforderungen für Unternehmen, besonders auch im maritimen Bereich und den Hafenanlagen, seien sie nun zivil oder militärisch. Denn die meisten Cyberangriffe begännen letztlich mit kompromittierten Zugangsdaten oder gestohlenen Identitäten. „Angreifer suchen zunächst nach Zugängen, nach Benutzerkonten und Zugangsdaten. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass diese Identitäten tatsächlich zu den richtigen Personen gehören.“ Als Methode schlägt er deshalb einen neuen Ansatz vor, den er auch mit seinem Unternehmen Cypurge verfolgt: Statt ausschließlich Dokumente zu kontrollieren, soll künftig die Person selbst verifiziert werden.

Hierfür kombiniert das Unternehmen klassische Dokumentenprüfungen mit Gesichtserkennung, dem Abgleich des Ausweisfotos sowie sogenannten Liveness-Tests, die erkennen sollen, ob tatsächlich ein Mensch vor der Kamera steht und nicht etwa ein KI-generiertes Bild oder Video. „Wir wollen keine reine Dokumentenprüfung mehr durchführen, sondern eine erneute Identifizierung der Person selbst ermöglichen“, erläutert El Mir. Zusätzlich fließen digitale Informationen wie Domains, E-Mail-Adressen oder weitere im Internet verfügbare Daten in die Bewertung ein. „Unser System sammelt nicht einfach Daten. Es korreliert unterschiedliche Informationen miteinander, um die Identität einer Person oder auch eines Unternehmens bewerten zu können.“

Cypurge mit KI-Lösung

„Wir haben im Rahmen unserer Forschung spezifische KI-Modelle entwickelt, um Unternehmen dabei zu unterstützen, jegliche Art von gefälschten Dokumenten oder Unregelmäßigkeiten zu erkennen, die aufgrund von Identifikationsproblemen auftreten können“Was wir also mit der Verifizierung zum Haupthost erreichen wollen: Wenn ich eine Person vor mir habe, beschränke ich mich nicht auf den Personalausweis. Ich führe eine Gesichtserkennung durch. Ich vergleiche das Gesicht mit dem Foto auf dem Personalausweis. Außerdem überprüfe ich, ob die Person tatsächlich lebt, denn heutzutage ist es dank künstlicher Intelligenz möglich, dass wirklich alles gefälscht ist – und zwar in so hoher Qualität, dass Menschen den Unterschied manchmal gar nicht erkennen können,“ beschreibt El Mir die Lösung seines Unternehmens Cypurge.

„Deshalb war das von uns entwickelte Modell in der Lage, diese Überprüfung durchzuführen, um sicherzustellen, dass wir es mit einem Menschen mit echten Daten zu tun haben und nicht mit künstlicher Intelligenz. Anschließend kommen wir zum nächsten Teil, der das eigentliche Herzstück des Systems darstellt. Dabei wird KI eingesetzt, um Dokumente forensisch zu untersuchen und jegliche Art von Betrug sowie gefälschte Dokumente aufzudecken.“

Dabei soll sich das Verfahren nicht nur auf einzelne reale Personen beschränken. Gerade bei Subunternehmen könne es vorkommen, dass formal korrekte Unternehmensunterlagen vorgelegt würden, hinter denen sich jedoch Briefkastenfirmen oder betrügerische Konstruktionen verbergen. In den USA erließen die zuständigen Behörden deshalb aktuell bereits zahlreiche Vorschriften, um sicherzustellen, dass Unternehmen die Vorschriften einhalten und ihre Vermögenswerte schützen. „Und zu diesen Vermögenswerten gehören unter anderem die Identifizierung, die Zuordnung von Vermögenswerten zu Personen sowie die Zugangskontrolle.“

Vom Subunternehmen zur Briefkastenfirma

„Manchmal erhalten wir vollkommen echte Registrierungsunterlagen. Schaut man jedoch genauer hin, dann stellt sich heraus, dass dahinter lediglich eine kurzfristig gegründete Firma steckt“, beschreibt El Mir. „Eine Firma, deren einziges Ziel darin besteht, Zugang zu Waren oder Infrastruktur zu erhalten.“ Gerade im maritimen Umfeld gewinne dieses Thema zusätzlich an Bedeutung. Die Branche sehe sich nicht nur einer steigenden Zahl von Cyberangriffen gegenüber, sondern müsse gleichzeitig immer strengere regulatorische Anforderungen der International Maritime Organization, der Europäischen Union oder der U.S. Coast Guard erfüllen.

Zugänge zu Hafengeländen seien sicher zu halten, die Arbeiter zu überprüfen, und dies in einem Umfeld, das durch sehr viel Bewegung von Menschen und Gütern geprägt sei. Die Künstliche Intelligenz schaffe dabei Möglichkeiten, die vorher schlichtweg noch nie existiert hätten. Und so fasst El Mir zusammen: „Um den neuen Bedrohungen durch künstliche Intelligenz zu begegnen, müssen wir selbst künstliche Intelligenz einsetzen.“

Dorothee Frank, Chefredakteurin Online

Verwandte Themen:

Die Sendekabinen für den Zielgruppenhörfunk des Zentrums Operative Kommunikation werden mit neuer Technik auf den Stand der Technik gebracht....

Scheidung in gegenseitigem Einvernehmen? Die Vorzeichen für den NATO-Gipfel am 8. Juli 2026 in Ankara waren nicht gut. Zu...

Wenige Wochen vor der Kommandoübergabe blickte der scheidende Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, am 27. August bei...

Weitere Nachrichten
HHK+ Vorteile nutzen
mockup complete

Erhalten Sie jetzt einen Zugang zu den HHK+ Artikeln & Magazinen vom Hardthöhen-Kurier

Aktuelle Magazine
Partner & Anzeigen
Partner unsere Sonderpublikationen