Der HHK öffnet seine Archive. Wir werden ab jetzt in regelmäßigen Abständen unter dem Namen „DAMALS“ interessante Artikel und Einblicke aus der Vergangenheit veröffentlichen. Dies allerdings nicht aus rein historischen Gründen, sondern weil die Gedanken und Überlegungen heute angesichts der steigenden Aggression Russlands wieder aktueller sind denn je.
HHK 2/2012: Wehrtechnische Dienststelle für Informationstechnologie und Elektronik (WTD 81), Greding
Die Wehrtechnische Dienststelle für Informationstechnologie und Elektronik (WTD 81) gehört zum Geschäftsbereich des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung. Sie befindet sich in Greding (Bayern) und wurde bereits Anfang der sechziger Jahre gegründet.
Die Aufgaben der WTD 81 gliedern sich in die Erprobung undAnalyse von Systemen und Geräten, F&T-Bearbeitung in ausgewählten Forschungs- und Technologiefeldern sowie die fachtechnische Zuarbeit zu den Projekten im BWB und IT-AmtBw. Daneben arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verbund mit Soldatinnen und Soldaten, dem Amtsbereich sowie verschiedenen Forschungseinrichtungen und der Industrie in allen Geschäftsfeldern der WTD an technischen Lösungen für die Einsatzkräfte.
Folgende Themen werden bei der WTD 81 bearbeitet:
- Informationsübertragung- und verarbeitung:
- IT-Sicherheit,
- Kommunikation,
- Führungs- und Informationssysteme (FüInfoSys) sowie Führungs- und Waffeneinsatzsysteme (FüWES),
- Simulationsinfrastruktur.
- Informationsgewinnung:
- Zielsuch- und Aufklärungstechnik,
- Sensortechnologie und Robotik,
- Elektronische Kampfführung und Wehrmaterial anderer Staaten.
- Sondergebiete und Elektronik:
- Elektromagnetische Effekte und Verträglichkeit sowie die Funkmessstelle der Bundeswehr,
- Modellbildung und Simulation,
- Feuerleittechnik und Navigation,
- Systemtechnik, Prüftechnik, Messmittel.
In einigen der oben genannten Bereiche verfügt die Dienststelle aufgrund ihrer Erfahrung und Expertise innerhalb der Bundeswehr und des Rüstungsbereichs über einmalige Kompetenzen. Eine außerordentlich große Expertise hat die WTD 81 beispielsweise auf dem Gebiet der Abwehr von Sprengfallen (RCIED). Diese spezielle Thematik wird im Fachgebiet der Elektronischen Kampfführung federführend bearbeitet. Ein besonders hoher Stellenwert kommt diesem Bereich schon deshalb zu, weil die Untersuchungen und Ergebnisse unmittelbar zum persönlichen Schutz der Soldatinnen und Soldaten beitragen.
Im Folgenden seien hierzu die typischen Bedrohungen durch Sprengfallen und mögliche Abwehrmaßnahmen aufgezeigt. Sprengfallen (IED – improvised explosive devices) stellen eine große Bedrohung für alle regulären Truppen im Einsatz dar. Maßnahmen zum Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten vor IED werden sowohl in der Einsatztaktik, der Ausbildung aber auch in der Ausrüstung getroffen. Eine Schutzmaßnahme ist dabei der kinetische Minenschutz bei Personen und Fahrzeugen, der die Auswirkungen der Detonation einer Sprengfalle so weit wie möglich reduzieren soll. Hierbei besteht aber immer ein erhebliches Restrisiko für Verletzungen der Soldaten. Darüber hinaus kann das Missionsziel wegen erheblicher Schäden an der Ausrüstung in der Regel nicht mehr erreicht werden. Daher sucht man Wege, um mit technischen Mitteln die Explosion von IED zu verhindern.
Zur Konzeption einer technischen Lösung ist zunächst eine Analyse der Auslösemechanismen erforderlich. Es gibt unterschiedlichste Klassifizierungsmöglichkeiten für IED. So wird zum Beispiel danach unterschieden, wie das IED an den Einsatzort verbracht wird, also mittels eines Fahrzeugs oder von einem Selbstmordattentäter. Darüber hinaus lassen sich IED auch nach deren Auslösung unterscheiden; wie beispielsweise eine Auslösung durch das Opfer (z.B. durch das Passieren einer Lichtschranke) oder per Funk. Die verwendete Technik bei funkausgelösten IED ist vergleichsweise einfach. Jedoch sind die entsprechenden Sprengfallen schwer zu erkennen, insbesondere wenn man in einem Konvoi mit Marschgeschwindigkeit daran vorbeifährt.
Das Geschäftsfeld Elektronischer Kampf und Wehrmaterial fremder Staaten der WTD 81 ist für die Untersuchungen der verschiedenen Methoden und Wirksamkeitsuntersuchungen gegen funkausgelöste Sprengfallen verantwortlich.

WTD 81: Grundlagen und Ausrüstung
Das grundlegende Verfahren wird in Bild 1 darstellt. Um die eigenen Kräfte, die in einem Konvoi unterwegs sind, vor funkausgelösten Sprengfallen zu schützen, setzt man beispielsweise Störsender ein. Diese sind so ausgelegt, dass innerhalb eines Schutzbereiches die Funksignale des Täters von dem Empfänger im Auslösemechanismus nicht mehr in Zündsignale umgesetzt werden können. Eine Auslösung der Sprengfalle durch den Täter kann somit während der Vorbeifahrt verhindert werden.
Die Wirksamkeit dieser Störsender und damit die Größe des Schutzbereiches hängen von vielen Faktoren ab. So ist zum Beispiel die Entfernung zwischen Täter und Sprengfalle oder das verwendete „Funkgerät“ von Bedeutung. Der Begriff „Funkgerät“ bedeutet hier alle möglichen Geräte zur Übertragung eines Funksignals. Es besteht mindestens aus einem Sender am Ort des Täters und einem Empfänger am Ort der Sprengfalle. Die verwendeten Funkgeräte unterscheiden sich unter anderem in der Signalfrequenz, der Signalleistung und der Signalform (Modulationsart). Eine der Herausforderungen für die Auslegung von Störsendern besteht darin, die Vielfalt der für RCIED genutzten Funkübertragungsverfahren abzudecken. Darüber hinaus muss im Rahmen der Fahrzeugintegration dafür gesorgt werden, dass die Kombination aus Fahrzeug, Sender und Antenne gut aufeinander abgestimmt sind. Diese Systemleistung der verschiedenen Störsysteme messtechnisch zu bewerten, ist die erste zentrale Aufgabe der WTD 81 in diesem Bereich.
Damit die Störsender gegen die verschiedenen Bedrohungen gut wirken, müssen sie in allen wesentlichen funktechnischen Parametern einstellbar sein. Hieraus ergibt sich ein zweites Betätigungsfeld der WTD 81 im Bereich der Optimierung von Signalparametern der Störsender für bestimmte Einsatzzwecke. Gemeinsam mit den Soldatinnen und Soldaten, die ihre Erfahrungen aus dem Einsatz einbringen und der messtechnischen Expertise der WTD 81 werden durch Messreihen in einsatznahen Szenarien die Einstellungen für den Störsender ermittelt, die einen optimalen Schutz gewährleisten. Diese Parametersätze werden dann direkt von der Truppe im Einsatz verwendet.
Auf diese Weise werden das technische Wissen der WTD und die Erfahrungen aus dem Einsatz direkt kombiniert und auf schnelle und unkomplizierte Weise für die neueste Ausrüstung im Einsatz optimal genutzt. Bereits erfolgreich eingeführt sind Störausstattungen, für die nur ein Fahrzeug benötigt wird, um mehrere Fahrzeuge zu schützen sowie Schutzausstattungen, die überwiegend dem Selbstschutz dienen. Zum Schutz großer Konvois ist eine Kombination aus beiden Ausstattungsvarianten erforderlich.
WTD 81: Ausblick
Die WTD 81 begleitet darüber hinaus mehrere F&T-Studien, um neue Konzepte für einen wirksameren Schutz zu finden. Dabei werden sowohl frühzeitige Erkennungsmethoden von IED untersucht, als auch die gezielte Bekämpfung der IED. Ein Beispiel dafür ist der reaktive Störsender. Bei diesem Konzept wird der Störsender nur dann kurzzeitig eingeschaltet, wenn ein Tätersignal entdeckt wurde. Bild 2 zeigt das zugrundeliegende Prinzip. Dazu muss der komplette Frequenzbereich dauernd überwacht werden. Wird ein Tätersignal erkannt, schaltet sich der Störsender sehr schnell und nur in diesem Frequenzbereich der Täterfrequenz ein. Dies hat unter anderem den Vorteil, dass eigene Funksysteme beispielsweise zur Kommunikation, weniger gestört werden.
