Die Gefechtssimulation in der Zeitenwende

Neubau des Gefechtsstandgebäudes in der Rhön-Kaserne am Standort Wildflecken. (Foto © GefSimZH)
Neubau des Gefechtsstandgebäudes in der Rhön-Kaserne am Standort Wildflecken. (Foto © GefSimZH)

Der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz verkündete am 27. Februar 2022 unter dem Eindruck des Krieges in Osteuropa eine sicherheitspolitische Zeitenwende für Deutschland und die Bundeswehr.

Im Juni 2023 beschloss die Bundesregierung die Nationale Sicherheitsstrategie: „Der Kernauftrag der Bundeswehr ist die Landes- und Bündnisverteidigung, alle Aufgaben ordnen sich diesem Auftrag unter“, heißt es darin unter anderem. Ein zentraler Begriff, der in diesem Zusammenhang oft genannt wird, ist die „Kriegstauglichkeit“, also die Fähigkeit, in einem Konflikt mit einem mindestens gleichwertigen militärischen Gegner bestehen zu können. Um den Einsatz und die Führungsfähigkeit von der Großverbands- bis zur Truppenebene zu üben, steht den Landstreitkräften der Bundeswehr, ggf. unter Einbeziehung alliierter Truppenteile, das Gefechtssimulationszentrum Heer (GefSimZH) zur Verfügung, das sich ebenfalls an die militärische Zeitenwende und die neue Nationale Sicherheitsstrategie anpassen muss.

Konstruktive Simulation durch SIRA, KORA und ViTA

Aktuell wird im Gefechtssimulationszentrum Heer das Beüben von Stäben durch die konstruktiven Simulationssysteme SIRA (Simulationssystem zur Unterstützung von Rahmenübungen) und KORA (Korpsrahmen Simulationsmodell) gewährleistet. Übungen auf der Kompanieebene oder darunter werden mithilfe der Simulationssoftware ViTA (virtuelle taktische Ausbildung) abgebildet. Die SIRA- und KORA-Software ermöglichen es, ein vorher von der übenden Truppe festgelegtes Szenario darzustellen und dieses anschließend zu simulieren. Dafür müssen eingangs das Gelände des Szenarios, die Parteien sowie deren Gliederung und Zielsetzungen definiert werden. In der anschließenden Simulation steuern Bediener die einzelnen Truppenteile dann gemäß den Befehlen des Stabes, der beübt wird. Auf die daraus in der Simulation entstehenden Lageentwicklungen muss der übende Stab dann erneut reagieren. Im Verlauf der Simulation können auf Wunsch des Truppenführers auch Lageentwicklungen erzeugt werden, um zum Beispiel Handlungsdruck und damit Entscheidungen zu forcieren. Am Ende der Simulation wird die Übung durch die übende Truppe ausgewertet, um die Führungsfähigkeit des Stabes und der unterstellten Truppenteile zu bewerten, die Zielerreichung der eigenen Operationsführung zu bewerten und ggf. weitere Handlungsbedarfe zu identifizieren. Hierbei kann die übende Truppe auf die gespeicherten Daten der Simulation zurückgreifen, um zum Beispiel Ablagen zwischen der Lagedarstellung des übenden Stabes und der Lagedarstellung der unterstellten Truppenteile zu identifizieren.

Im Gegensatz zu den Systemen SIRA und KORA ist bei der Simulationssoftware ViTA die Darstellung von Szenarien bis zur Kompanieebene möglich. Hierbei geht es nicht um die Koordination großer Truppenteile durch einen Stab, sondern um detaillierte Feinabstimmung einzelner Einheiten oder Teileinheiten. Mit bis zu 240 vernetzten Arbeitsplätzen ist es möglich, eine ganze Kompanie gleichzeitig in realitätsnahen Szenarien in einer virtuellen Umgebung zu beüben und das ohne den logistischen Aufwand einer großen Verlegeübung.

Hierfür ist allerdings eine äußerst leistungsfähige IT-Infrastruktur notwendig. Nur dank hochleistungsfähiger Computer und einer entsprechenden Netzwerkgeschwindigkeit ist es möglich, komplexe Lagen flüssig und ohne Verzögerungen in der nötigen Synchronisationsgenauigkeit abzubilden. Die in ViTA geschaffene Umgebung überzeugt vor allem durch die Möglichkeit der realen Nachbildung von Gelände, Vegetation und Wetter. Ein Ansatz liegt auf der digitalen Bereitstellung bekannter deutscher Truppenübungsplätze wie z. B. der Platz des Gefechtsübungszentrums (GÜZ) des Heeres in der Colbitz-Letzlinger Heide oder die Truppenübungsplätze in Hammelburg oder Bergen. So können Soldatinnen und Soldaten bekannte Einsatzräume vorab virtuell begehen und taktische Abläufe einüben. ViTA kann aber noch viel mehr: Das System ermöglicht die Nutzung der gesamten Erde als Großreferenz. Innerhalb kürzester Zeit lassen sich virtuelle Trainingsszenarien in jedem beliebigen Realgelände aufbauen, auch in Gebieten mit kurzfristiger Einsatzrelevanz. Ob Südostasien oder NATO-Ostflanke: Die Simulation ermöglicht es den Kräften, vor einer Verlegung Einblicke in Terrain, Infrastruktur und sich dadurch ergebende taktische Herausforderungen zu nehmen. Dieser Vorteil schafft eine völlig neue Vorbereitungsebene und erhöht die Einsatzfähigkeit erheblich, weil die Soldaten vor Ort in Wildflecken bereits einen realistischen Eindruck des Gefechtsfeldes bekommen.

Die Leistungen, die das Gefechtssimulationszentrum im Prozess der Übungsrealisierung für die übende Truppe bietet, sind hierbei die Erstellung des Übungskonzeptes, die Konfiguration des jeweiligen Simulationssystems, die technische Durchführung der Gefechtssimulation, Unterstützung in der Übungsauswertung sowie der Real Life Support. Dies wird alles durch eine Projektgruppe erarbeitet, deren Ergebnisse die Grundlage für die Arbeit des Zentrums sind.

Von Oberstleutnant Patrick Bauer, Regierungsdirektor Frank Albrecht,
Hauptmann Marvin Fuchs, Leutnant Sebastian Schmid, Gefechtssimulationszentrum Heer

Den kompletten Artikel lesen Sie in Ausgabe 1/26 des HHK!

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