Innovation ist Bestandteil der Fähigkeitsentwicklung

Generalleutnant Michael Vetter stellte sich den Fragen von Michael Horst (li.) und Burghard Lindhorst. (Foto: © BMVg)
Generalleutnant Michael Vetter stellte sich den Fragen von Michael Horst (li.) und Burghard Lindhorst. (Foto: © BMVg)

Die Bundeswehr muss ihren Auftrag sicher, selbstbestimmt und ohne ungewollte Einflussnahme von Dritten erfüllen können, erklärt Generalleutnant Michael Vetter, Abteilungsleiter Innovation und Cyber (IC) im BMVg, zum Thema digitale Souveränität.

Sehr geehrter Herr General, das BMVg hat eine neue Gliederung eingenommen. Sie führen jetzt die neue Abteilung Innovation und Cyber (IC). Welche wesentlichen Gründe führten zur Einnahme der neuen Struktur?

Eine wesentliche Handlungslinie für Minister Pistorius war der notwendige Aufwuchs der Bundeswehr und die daraus resultierenden Aufgaben für das Ministerium. Im Ergebnis wurden die Aufgaben in der Leitung neu geordnet mit einem dritten beamteten Staatssekretär. Zwei Hauptabteilungen „Streitkräfte“ und „Aufwuchs“ sollen die Arbeiten zur Herstellung der Kriegstüchtigkeit steuern. Natürlich ging es in diesem Zuge auch darum, Synergien zu erschließen. In der Abteilung Innovation und Cyber wurden die Planungsabteilung und die alte Abteilung CIT im Wesentlichen zusammengeführt und dem Staatssekretär für Innovation und Rüstung zugeordnet. 2016 wurde die Planungsverantwortung für das Teilportfolio Cyber/IT dem Abteilungsleiter CIT übertragen, um dem Chief Information Officer die Möglichkeit zu geben, die Digitalisierung der Bundeswehr aus einer Hand zu steuern. Das führen wir jetzt wieder zusammen. Der Minister hat uns zudem beauftragt, den aktuellen Planungsprozess zu überarbeiten.

Wo liegen aus Ihrer Sicht zurzeit die wichtigsten Herausforderungen bei der Digitalisierung der Streitkräfte?

Digitalisierung ist eine der entscheidenden Voraussetzungen, damit Streitkräfte im 21. Jahrhundert erfolgreich wirken können. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, gemeinsam die Fähigkeit zu Multi-Domain Operations (MDO) auszuprägen. Unsere Streitkräfte sollen in die Lage sein, synchronisiert bei Land-, Luft- und Seeoperationen sowie im Cyber- und Informationsraum als auch im Weltraum zu wirken und dabei auch nichtmilitärische Effekte mit zu integrieren. Voraussetzung dafür ist eine durchgehende digitale Prozesskette. Die funktionalen Bausteine dieser Prozesskette von den Rechenzentren in Deutschland, über Cloud-Infrastrukturen bis zur Führungsfähigkeit auf der taktischen Ebene realisieren wir gerade. Digitalisierung ist und bleibt eine der wesentlichen Handlungslinien für die Bundeswehr.

Generalleutnant Michael Vetter stellte sich den Fragen von Michael Horst (li.) und Burghard Lindhorst. (Foto: © BMVg)
Generalleutnant Michael Vetter stellte sich den Fragen von Michael Horst (li.) und Burghard Lindhorst. (Foto: © BMVg)

Ein zentrales Modernisierungsprojekt ist die Digitalisierung landbasierter Operationen (D-LBO). Wo stehen wir da?

D-LBO ist ein Programm aus diversen Einzelprojekten. Wir sind derzeit mit aller Kraft dabei, die Handlungslinie D-LBO Basic, also eine Basisdigitalisierung vorhandener Plattformen, so voranzutreiben, dass wir bis Ende des Jahres 2027 die Division 25, also die 10. Panzerdivision, basisdigitalisiert haben.

Wo liegen die Grenzen der Nutzung von KI im militärischen Aufgabenbereich?

Künstliche Intelligenz ist Teil der Digitalisierung der Bundeswehr. Wir verfolgen bei der Anwendung von KI in der Bundeswehr drei parallele Handlungslinien. Da ist natürlich die Nutzung von KI zur Auftragserfüllung der Streitkräfte, also quasi „KI am scharfen Ende“. Die zweite Handlungslinie zielt auf die Nutzung von KI zur Verbesserung unserer administrativen Prozesse. Die dritte Handlungslinie umfasst schließlich die Themen Kultur, Menschen und Prozesse. Wir müssen die Menschen mitnehmen, sie ausbilden, ertüchtigen und animieren, mit KI-Systemen zu arbeiten. Die Grenzen einer verantwortungsvollen militärischen Nutzung von KI liegen in unseren ethischen Vorstellungen und unserer Rechtsordnung. Das bedeutet konkret, wir werden keine KI-Systeme einsetzen, deren Anwendung gegen Recht und Gesetz verstößt.

KI-Systeme müssen auch unseren ethischen Grundlagen entsprechen. Unsere Normen, unsere Werte und unser Menschenbild setzen also die Maßstäbe für Debatten um Military Robotics beziehungsweise Waffensysteme mit teilautonomen Funktionen. Es gibt aber nicht die eine für alles gleichermaßen gültige Blaupause für die wirksame menschliche Kontrolle bei der Nutzung von KI und Autonomie in der Bundeswehr, der wir uns politisch, rechtlich und ethisch verpflichtet sehen. Denn in der militärischen Realität muss Kontrolle differenziert, nach Einsatzkontext ausgestaltet und dann mit entsprechenden Taktiken, Techniken und Verfahren trainiert werden. KI-Systeme für Waffensysteme mit autonomen Funktionen sollten deswegen stets so konzipiert werden, dass Kommandeure und Bediener ein angemessenes, kontextbezogenes Maß an menschlicher Kontrolle und Urteilsvermögen über die Anwendung von militärischer Gewalt entlang einer verantwortlichen Befehlskette ausüben können. Die Bundesregierung hat ausgeschlossen, dass wir tödliche autonome Waffensysteme, die einer Kontrolle des Menschen gänzlich entzogen sind, militärisch e

Soldaten testen eine Drohne des Projekts „Innovationslabor System Soldat“ in Erding. (Foto © Bw/Heike Westhöfer)
Soldaten testen eine Drohne des Projekts „Innovationslabor System Soldat“ in Erding. (Foto © Bw/Heike Westhöfer)

insetzen. Gleichwohl müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass es andere Mächte auf dieser Welt geben mag, die genau dies tun werden.

Wie sieht das „neue System Innovation“ aus? Was erwarten Sie speziell vom Innovationszentrum Bundeswehr in Erding?

Unsere Abteilung trägt bewusst die Bezeichnung „Innovation und Cyber“. Dieser Name soll zeigen, dass Innovation integraler Bestandteil der Fähigkeitsentwicklung der Bundeswehr ist. Von wo sind wir hergekommen? 2017 haben wir mit dem Cyber Innovation Hub begonnen, das vorhandene System aus Forschung, Technologie, Entwicklung und Erprobung in der Bundeswehr zu erweitern. Ziel war es, Innovationen größeren Raum zu geben. Ausgelöst wurde dieser Schritt durch immer schneller werdende Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung. Unsere Standardprozesse waren nicht mehr geeignet, um diese Dynamik aufnehmen und umsetzen zu können. Das Delta zwischen dem, wie wir arbeiten, und dem, wie sich die Welt um uns verändert, wurde immer größer. Deswegen war es wichtig, Maßnahmen zu identifizieren, um dieses Delta wieder zu verkleinern. Der Cyber Innovation Hub war damals eine erste Antwort. Es ging nicht darum, Grundlagenforschung im Bereich Digitalisierung zu betreiben, sondern digitale Lösungen zu finden, die auf dem Markt verfügbar sind und für real vorhandene Probleme und Herausforderungen der Bundeswehr genutzt werden können. Seit 2017 haben wir viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, wie man innerhalb von wenigen Monaten Innovationsprojekte zum Erfolg führen kann und Lösungen in die Truppe bringt. Heute sind wir noch nicht in allen Bereichen am Ziel, haben aber nachgewiesen, dass wir es grundsätzlich können.

Nun besteht die Welt ja nicht nur aus Cyber- und Digitalisierungsthemen, sondern die Effekte einer Industrie 4.0 wirken sich auch auf eine Vielzahl weiterer Technologiefelder aus. In der Bundeswehr passiert diesbezüglich bereits ziemlich viel. Es werden quasi überall gute Ideen entwickelt und erprobt. Ich nenne beispielhaft die Experimentalserie des Heeres, die Übung „Timber Express“ bei der Luftwaffe oder auch OPEX-Vorhaben bei der Marine.

Mit dem Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding wollen wir diese guten Ideen aufgreifen und dabei mitwirken, diese schnell zu verproben und bei nachgewiesener Eignung auch zu skalieren. Das Innovationszentrum soll neben dem Digitallaborverbund, also neben Cyber Innovation Hub, Cyberagentur, dem wissenschaftlichen Zentrum dtec.bw der beiden Universitäten der Bundeswehr und anderen, ein Möglichmacher für schnelle zielgerichtete Technologieinnovation werden. Ziel ist es, eine Bewertungsfähigkeit in entscheidenden Technologiefeldern aufzubauen, um so neue Technologien zügig in militärische Fähigkeiten transferieren zu können. Ich erhoffe mir zudem mehr Transparenz und ein umfassendes technologisches Lagebild. Die Experimentalserie des Heeres kann durchaus für die Luftwaffe oder CIR interessant sein. Das Innovationszentrum soll die Möglichkeit bieten, solche „Operational Experimentations“ zu koordinieren, zu begleiten und auf „neuen Wegen“ zu katalysieren. Es beinhaltet zudem technologische Expertise für Fremdmaterial und vernetzt sich mit unserer Einsatzauswertung. Mit seinen Schnittstellen zu Start-ups und Scale-ups, Forschung und Wissenschaft greift das Innovationszentrum auf die breite Exzellenz der deutschen und europäischen Technologie-Cluster zu. Wir schaffen mit dem Innovationszentrum also eine zentrale Stelle für technologische Innovation und beschleunigen damit die Überführung von neuen Projekten in militärische Fähigkeiten. Wir werden natürlich auch die klassische Forschung, Entwicklung und Erprobung für komplexe Waffensysteme weiterführen. Aber, das ist aus meiner Sicht extrem wichtig, es geht eben auch darum, zügig Innovationen, die manchmal eher kleinteilig sind, verfügbar zu machen. Das kann ein besserer Prozess, ein Verfahren, eine digitale App oder auch eine technologische Lösung sein.

Der Hauptsitz des Innovationszentrum der Bundeswehr ist Erding. Klar ist aber, dass wir uns nicht auf die Metropolregion München beschränken werden. Wir werden uns mit Wissenschaft, Forschung, Industrie, den Ländern und allen weiteren Innovationsakteuren umfangreich vernetzen. Wir planen bereits einen ersten Satelliten in Norddeutschland, wo wir unter anderem maritime Themen erschließen wollen. Unsere Innovateure müssen Netzwerke in der der Fläche etablieren, um dort, wo gute Ideen geboren werden, schnell vor Ort verfügbar zu sein. Deutschland hat föderale Strukturen und damit auch weit in der Fläche verteilte wissenschaftliche und industrielle Exzellenz. Wie wir diese Fläche zukünftig erschließen wollen, wird gerade im Detail ausgearbeitet.

Was sollte im Beschaffungsgang des Wehrmaterials dringend geändert werden, um den zeitkritischen Bedarf Ihres Verantwortungsbereiches optimal decken zu können? I

Ich glaube tatsächlich, dass unsere Beschaffungsprozesse grundsätzlich funktionieren und dies auch unter Beweis stellen. Nicht zuletzt haben wir bewiesen, dass das System auch schnell auf Herausforderungen reagieren kann. Allerdings besteht im Einzelnen schon noch Verbesserungsbedarf.

Das komplette Interview lesen Sie im IT-Report 2026.

(Foto © MRV)
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