„Ein starker Sanitätsdienst trägt aktiv zur Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte bei“

Übernahme von Übungsverwundeten durch zivile Rettungsdienste von einem Transportflugzeug A400M der Bundeswehr bei „Medic Quadriga“. (Foto © Boes)
Übernahme von Übungsverwundeten durch zivile Rettungsdienste von einem Transportflugzeug A400M der Bundeswehr bei „Medic Quadriga“. (Foto © Boes)

Herr Generalarzt, was fordert dienstlich aktuell den Stellvertreter des Befehlshabers Unterstützungskommando der Bundeswehr und Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr besonders?

In dieser Doppelfunktion habe ich den Blick auf alle Aufgaben im Unterstützungsbereich. Aus meiner Sicht ist aktuell die Gleichzeitigkeit vieler großer und wichtiger Vorhaben besonders herausfordernd. So soll zum Beispiel die Bundeswehr rasch aufwachsen: Wir unterstützen die Umsetzung des Neuen Wehrdienstes, wir unterstützen die Aufstellung der Brigade Litauen, wir passen uns an neue taktische Entwicklungen an, treiben die Digitalisierung und die Zivil-Militärische Zusammenarbeit voran und begleiten eine deutlich gestiegene Übungsaktivität in der Vorbereitung auf
ein mögliches Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung. Und das sind nur einige Schlaglichter auf die Themen, die uns gerade beschäftigen.

GenOStArzt Dr. med. Ralf Hoffmann ist seit 1. Oktober 2024 Stellvertreter des Befehlshabers Unterstützungskommando der Bundeswehr und Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr. (Foto ©Bw/von Scheven)
GenOStArzt Dr. med. Ralf Hoffmann ist seit 1. Oktober 2024 Stellvertreter des Befehlshabers Unterstützungskommando der Bundeswehr und Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr. (Foto ©Bw/von Scheven)

Unser Fokus ist dabei, die erforderlichen Unterstützungsleistungen von Sanitätsdienst über Logistik und weitere Kräfte so bereitzustellen, dass die Streitkräfte einsatzbereit und durchhaltefähig sind. Gleichzeitig gilt es, die Lehren aus den aktuellen Konflikten konsequent umzusetzen, Ausbildung und Ausstattung weiterzuentwickeln. Unser Anspruch muss sein, die hohe Qualität
der Versorgung beizubehalten. Wir wollen und müssen Aufwuchs, Modernisierung und Einsatzbereitschaft parallel realisieren. Ohne das große Engagement unserer Soldatinnen und Soldaten sowie zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wäre das nicht möglich.

Vor knapp einem Jahr wurde der Unterstützungsbereich aufgestellt und der Sanitätsdienst der Bundeswehr wurde in diesen integriert. Was war das wesentliche Ziel dieser Neuorganisation, und hat sich aus Ihrer Sicht diese Maßnahme bewährt?

Die Neuorganisation war Teil der konsequenten Ausrichtung der Bundeswehr auf die Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung. Mit der Aufstellung des Unterstützungsbereichs haben wir die verschiedenen Unterstützungskräfte enger verzahnt, können sie zentral steuern und ihre Fähigkeiten über die gesamte Breite der Bundeswehr effizienter nutzen. Der Grund dafür liegt klar auf der Hand: Fähigkeiten wie Logistik, Sanitätsdienst, ABC-Abwehr, Militärpolizei oder Zivil-Militärische Zusammenarbeit werden von allen Teilstreitkräften benötigt, sind aber personell und materiell begrenzte Ressourcen. Daher war es folgerichtig, diese Kräfte bundeswehrgemeinsam zu planen, zu priorisieren und so einzusetzen, wie es strategisch am sinnvollsten ist.

Für den Sanitätsdienst der Bundeswehr bedeutete das die Auflösung des Organisationsbereichs, die Integration in den Unterstützungsbereich und damit die Aufstellung des Kommandos Gesundheitsversorgung als Fachkommando. Unser Auftrag bleibt dabei unverändert: Wir sichern die bestmögliche Gesundheitsversorgung unserer Soldatinnen und Soldaten in Frieden, Krise und Krieg.

Die Neuorganisation ist ein Prozess, bei dem fortlaufend nachgesteuert wird, die man zudem im Zusammenhang mit dem jetzt angestoßenen Aufwuchs wird bewerten müssen. Die Zusammenarbeit ist enger geworden, Prozesse in Abstimmung und Abläufen wurden verbessert. Gleichzeitig müssen aber immer noch Prozesse und Verfahren aufeinander abgestimmt werden. Schnittstellen und Kommunikation sind dabei die große Herausforderung. Aber wir haben die Voraussetzungen geschaffen, unsere Ressourcen zur Unterstützung wirksamer einzusetzen und so die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu verbessern.

 

Sie sind auch der Wehrmedizinische Berater der Leitung des BMVg, nehmen dabei die Schnittstellenfunktion als Surgeon General im internationalen Bereich wahr und sind das fachliche Bindeglied zwischen der Leitung des BMVg und anderen Ressorts, Standesvertretungen der Approbationen sowie den Hilfsorganisationen. Welches Ziel wird mit dieser Konstellation verfolgt und was fordert Sie in dieser Funktion besonders?

Das mag zunächst nach einem hochkomplexen Aufgabenfeld klingen, aber die Bündelung dieser Funktionen verfolgt ein klares Ziel: Wehrmedizinische Expertise dort einzubringen, wo strategische und politische Entscheidungen getroffen werden. Als Wehrmedizinischer Berater der Leitung des BMVg stelle ich sicher, dass medizinische Aspekte bei Fragen der Einsatzbereitschaft, der Landes- und Bündnisverteidigung sowie der Weiterentwicklung des Sanitätsdienstes frühzeitig berücksichtigt werden. Die Funktion als Surgeon General ermöglicht es, nationale wehrmedizinische Interessen in internationale Gremien einzubringen und die operative Abstimmung im Hinblick auf Einsätze mit unseren Bündnispartnern frühzeitig sicherzustellen. Grundlegend für diese Arbeit ist die Vernetzung mit den verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens. Die medizinische Versorgung der Soldatinnen und Soldaten kann im Fall der Landes- und Bündnisverteidigung nicht allein durch den Sanitätsdienst der Bundeswehr sichergestellt werden. In dieser gesamtstaatlichen Aufgabe müssen die anderen Ressorts, die Länder, die Standesvertretungen, Hilfsorganisationen und andere Akteure des Gesundheitswesens zusammenwirken.

Ich sehe meine Aufgabe auch darin, für diese Herausforderung Brücken zu bauen, um gemeinsame Lösungsansätze zu entwickeln und gegenseitiges Verständnis zu schaffen. All die beteiligten Akteure bringen unterschiedliche Perspektiven mit: Militärische Erfordernisse, fachliche Entwicklungen, gesundheitspolitische Rahmenbedingungen, internationale Verpflichtungen und die Belange des zivilen Gesundheitswesens gilt es zusammenzuführen mit dem Ziel einer resilienten Gesundheitsversorgung.

Die Fragen stellte Michael Horst, Chefredakteur des „Hardthöhenkurier“.

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