Synergieeffekte durch die übergreifende Betrachtung von Plattform und IT
Die Kampfhandlungen bei der Abwehr der russischen Aggression durch die Ukraine erzeugen eine Vielzahl weitreichender Lehren für die moderne Kriegsführung. Eine wesentliche Erkenntnis daraus: Die Unverzichtbarkeit des zielgerichteten, reaktionsschnellen und weitreichenden funktionalen Zusammenwirkens der Kräfte am Boden mit allen Arten von luftgestützten Systemen in der 4D-Perspektive, den drei räumlichen Dimensionen und dem Cyberraum. Das Überleben und der Erfolg im modernen Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) gegen gleichwertige Peer-to-Peer-Gegner hängen entscheidend von dieser Fähigkeit ab.
Die Army Aviation Community stellt darum die zuküftige Rolle des bemannten (Kampf-)Hubschraubers auf den Prüfstand. Dabei wird der am 24. Februar 2022 gescheiterte russische Hubschrauberangriff auf den Flughafen Kiew-Hostomel und die hohen Verluste auf beiden Seiten beim Einsatz von (Kampf-)Hubschraubern direkt auf dem Gefechtsfeld häufig als Abgesang auf den bemannten Kampfhubschrauber ausgelegt. Die drastischen Kürzungen der U.S. Army Aviation samt Ausphasung der AH-64D Apache, Einstellung der Beschaffung von AH-64E Apache Guardian sowie die Einstellung der Beschaffungen in Südkorea und Japan sind Ausdruck dieser Sichtweise. Gleichzeitig wird aber übersehen beziehungsweise ignoriert, welche zentrale Rolle die russischen Ka-52, Mi-28 und Mi-24/35 in Kombination mit ihren weitreichenden Flugkörpern im Juni 2023 bei der Abwehr eines mechanisierten ukrainischen Angriffs gespielt haben. Die Bilder der 25 zerstörten Kampfpanzer Leopard und Schützenpanzer Bradley gingen damals durch die Weltpresse.
Eine wiederentdeckte Lehre aus dem Krieg in der Ukraine ist, dass eine dichte Flug- und Fliegerabwehr, unter anderem mit MANPADS (Man-portable Air Defence Systems), den Einsatz von bemannten fliegenden Assets (insbesondere Hubschraubern) unmittelbar auf/über dem Gefechtsfeld (= in der „Todeszone“) nicht zulässt. Bemannte fliegende Assets (Starr- und Drehflügler) sind deshalb gezwungen, sich mit großem Abstand und extrem niedrigen Flugprofilen dem Line-of-Sight-Engagement (LOS), der unmittelbaren gegnerischen Waffenwirkung, zu entziehen. Hubschrauber sind grundsätzlich sehr gut für derartige Operationen geeignet, allerdings werden dabei auch ihre plattformgebundenen Sensoren und Effektoren in ihrer Wirksamkeit massiv eingeschränkt und die Kommunikation (dann nur noch durch die Rotorebene ist nur rudimentär möglich. Im Ergebnis ist der Hubschrauber zwar verhältnismäßig sicher vor Bedrohung, als „kämpfendes“ Waffensystem aber auch weitgehend wertlos.
Die „CAIMAN“-Studienreihe
Vor genau diesem Hintergrund widmet sich die Studienreihe „Close Air Integration für Mobile Army Networks“ oder kurz „CAIMAN“ der systematischen Erarbeitung von technischen und operationellen Ansätzen, Konzepten und Lösungen zur tiefen funktionalen Integration von bemannten und unbemannten Luftfahrzeugen im bodennahen Luftraum mit den eigenen Kräften am Boden in LV/BV-Szenarien gegen einen Peer-to-Peer- Gegner an der NATO-Ostflanke.
Kennzeichnend für CAIMAN sind
- die Luftfahrzeuge in funktionaler Hinsicht als organisches Asset der Kräfte am Boden zu verstehen, auch wenn sich diese in der dritten Dimension bewegen,
- eine sehr enge technisch-organisatorische Verzahnung mit dem Großprojekt zur Digitalisierung der deutschen Landstreitkräfte (D-LBO) samt Übernahme von so vielen D-LBO Komponenten, Systemen und Lösungen wie möglich, insbesondere bei der Funkanbindung,
- das Auflösen des Betrachtungshorizontes des einzelnen Hubschraubers als singuläre Plattform zugunsten einer plattformübergreifenden, netzwerkorientierten Sicht, die eine Vielzahl dislozierter Plattformen/Systemträger umfasst, deren plattformgebundene Sensoren, Führungseinrichtungen und Effektoren föderiert werden, um diese funktional zu resilienten Multi-Platform Distributed Kill Chains vernetzen zu können,
- eine nutzerzentrierte Weiterentwicklung der Fähigkeiten des H145M (leichter Kampfhubschrauber, LKH), die agil die Erkenntisse aus dem Ukrainekrieg umsetzt und dabei gleichzeitig die Software-Defined Defence-Fähigkeit des H145M konzeptioniert und real erprobt.
Dank eines ergebnisorientierten Zusammenwirkens von Bedarfsträger, Bedarfsdecker und Auftragnehmer konnte CAIMAN konkrete operationelle Aufgabenstellungen erfolgreich praktisch bewältigen. In jedem Jahr wurden konzeptionelle Grundlagen erarbeitet, dann im Detail ausgeplant, in Technik umgesetzt und schließlich in ein Luftfahrzeug eingerüstet und mit einer Flight Demo verifiziert.
Auf der Amtsseite umfasst die Community of Interest CAIMAN neben den Rüstern im BAAINBw (IT, Projekt/Plattform, Vertrag) vor allem den Nutzer (Amt für Heeresentwicklung, Heeresflieger) aber auch die Wehrtechnischen Dienststellen 61 und 81. Daneben spielt die BWI als Inhouse-IT-Dienstleister der Bundeswehr eine zentrale Rolle für alle Aspekte der Projektdurchführung. Der auftragnehmerseitige Anteil der CAIMAN Community wird von Airbus Helicopters Deutschland in Donauwörth geführt und umfasst als Unterauftragnehmer auch die Firma HAT.tec für den Anteil des skalierbaren Missionsmanagements.
Technisch fördert CAIMAN primär die Evolution des Missionssystems des leichten Kampfhubschraubers, sodass möglichst viele bodengebundene und luftgestützte Assets (Sensoren, Effektoren, Plattformen, Systemträger) zu plattformübergreifenden Waffenfunktionsketten verknüpft werden können. Auslegungsbestimmend ist der reaktionsschnelle, präzise und weitreichende Waffeneinsatz (NLOS, Non-Line-of-Sight-Engagement) gegen mobile Punktziele in der Bewegung. Wichtig hierbei ist, dass sich dabei alle bemannten Assets nicht dem LOS-Engagement aussetzen müssen. Die Gesamtheit dieser Kill Chains begründet ein Kill Web, in dem der H145M zu einem fliegenden C2-Netzwerkknoten (Command and Control) wird.
Christian Peters, Sacha Harst und Fabian Jeschke
Direktor beim BAAINBw Christian Peters, BAAINBw I6, Hauptmann Sacha Harst, Dezernent Sachgebiet Führungsunterstützung, Amt für Heeresentwicklung und Hauptmann d.R. Fabian Jeschke, Senior Expert Business Integration, Teilprojektleiter Programm Management D-LBO“, BWI GmbH.
Den kompletten Beitrag lesen Sie im IT-Report 2026.

