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Mobile Führungsfähigkeit – domänenübergreifend vernetzt!

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Interview mit Dr. Daniel P. Westhoff, Leiter Division Land und Mitglied der Geschäftsleitung der ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH, anlässlich der AFCEA Fachausstellung 2023

Sehr geehrter Herr Westhoff, mobile Führungsfähigkeit steht im Fokus der ESG auf der diesjährigen AFCEA Fachausstellung. Wie stellt sich die ESG insgesamt und Ihre Division Land im Besonderen auf, um die damit verbundenen Herausforderungen erfolgreich zu meistern? Mobile Führungsfähigkeit muss immer im Kontext der Multi-Domain Operations betrachtet werden. Für die ESG kein neues Feld. Seit Jahrzehnten vernetzen wir Systeme auf dem Gefechtsfeld und generieren daraus den militärischen Mehrwert. Nichtsdestotrotz ist dieser Aspekt mit dem Thema Cloud in den letzten Jahren sehr stark im Fokus. Dies vor dem Hintergrund der Entwicklung neuer Waffensysteme, die jedes für sich einen hohen Grad an Spezialisierung aufweisen. Umso wichtiger, dass auf dem modernen Gefechtsfeld eine domänenübergreifende Vernetzung erfolgt, um die Effektivität der Gesamtsysteme in einem verbundenen Ansatz bestens nutzen zu können. Die ESG ist in allen Domänen aktiv und beitragsfähig.

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Engagierte Diskussion: Daniel Westhoff im Interview mit Burghard Lindhorst. (Foto © Björn Trotzki)

Welche Lösungen bietet die ESG für die mobile Führungsfähigkeit? Insbesondere das Heer hat einen hohen Bedarf an mobilen Gefechtsständen. Wir können hier auf jahrzehntelange Erfahrung aufbauen und setzen moderne Technologien ein, um die unterschiedlichsten Bedarfe zu decken. Der erste Ansatz dazu war schon in den achtziger Jahren mit dem Rechnerverbundsystem ADLER (Artillerie-, Daten-, Lage- und Einsatz-Rechnerverbund) und der damit verbundenen Digitalisierung von Gefechtsständen. Hinzu kommt viel Erfahrung aus der erfolgreichen Realisierung unterschiedlicher Varianten von containerbasierten Gefechtsständen für die Luftwaffe – seit weit mehr als 15 Jahren. Wir bieten vielfältige Möglichkeiten an, wie etwa mit dem System NEOS (Network Enabled Operations Support): Es kann grundsätzlich in jede Plattform eingerüstet werden und ermöglicht die Vernetzung z. B. von fliegenden Waffensystemen untereinander oder mit schwimmenden Einheiten weit über die Ansätze, die wir heute haben wie etwa mittels Link 16. So kann zum Beispiel die Sensorik einer Plattform für die Wirkung eines anderen Waffensystems genutzt werden, die nicht selbst über die entsprechende Sensorik verfügt. Und das alles auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. Ein Beispiel: Im Rahmen der Entwicklung eines neuen Konzeptes für flexible, energieeffiziente und modulare Heeresgefechtsstände mit Smart-Shelter- Technologie nutzen wir die „New Prime Power Unit“, ursprünglich für das Counter Battery Radar COBRA entwickelt. Lastabhängig wird die Drehzahl reduziert und damit der Verbrauch um bis zu 50 Prozent gesenkt, und dies bei insgesamt bis zu 30 Prozent mehr an Leistung als andere klassische Stromerzeuger. Das erleichtert die gesamte Versorgung, da der logistische Footprint deutlich reduziert wird. Im Ukrainekrieg sehen wir ja die Bedeutung des Nachschubes. Und es ist als sehr positiver Nebeneffekt auch unter Umweltaspekten ein deutlicher Fortschritt.

Sie sprechen den Ukrainekrieg an. Welche Lehren oder Schlussfolgerungen lassen sich für die Bundeswehr und ihre Verbündeten bereits jetzt ziehen? Erste Lehren haben wir auf der politischen Ebene gesehen mit der Rede des Bundeskanzlers zur „Zeitenwende“ und der Einrichtung des Sondervermögens für die Bundeswehr. Militärisch konzeptionell ist die Verschiebung des Schwerpunktes vom internationalen Krisenmanagement zur Landes- und Bündnisverteidigung erfolgt; jetzt müssen diese Konzepte aber auch in der Realität ankommen. Es lassen sich schon jetzt eine Reihe von Lehren und Erfahrungen aus dem aktuellen Geschehen ziehen, insbesondere wenn wir, was wir hier auf der AFCEA auch zeigen, in Richtung der Gefechtsstände schauen. Im Bereich internationalen Krisenmanagements ging es sehr stark darum, vor allem leicht verlegbare Gefechtsstände zu haben, um diese z. B. per Lufttransport in internationale Krisenregionen verlegen zu können. Da spielte die Zeit für den Auf- und Abbau eine nachgeordnete Rolle und auch die Größe dieser Gefechtsstände war eher mit größeren Ausmaßen verbunden. Jetzt aber brauchen wir hochmobile Systeme in Containern wie auch in Fahrzeugen, miteinander auf dem Gefechtsfeld vernetzt und auf die jeweilige Führungsebene abgestimmt skalierbar. Zukünftige Gefechtsstände müssen schnell operabel sein können, ihre Arbeit verrichten und ebenso schnell wieder verlegen können, um nicht aufklärbar und verwundbar zu sein. Der Blick in die Ukraine zeigt, dass wir wieder sehr stark im klassischen Gefechtsfeld unterwegs sein werden, allerdings auf andere Weise als in den achtziger Jahren, nämlich verbunden mit Digitalisierung und smarten Ansätzen. Ein Beispiel ist die aus den Medienberichten bekannte GIS ARTA App, mit der in der Ukraine auf recht simple Weise selbst das handelsübliche Smartphone Zieldaten generiert und die Feuerleitung leisten kann. Ich bewundere, wie die Ukraine das in die Gefechtsführung integriert hat, mit einfachen Mitteln. Aber trotzdem kann das für unsere Streitkräfte nicht der Ansatz sein, weil diese Systeme unglaublich verwundbar sind, schnell aufklärbar und leicht für einen Gegner kompromittierbar. Unter den Kriterien von z. B. Informationssicherheit ist dies kein gangbarer Ansatz für die Bundeswehr. Nichtsdestotrotz zeigt es aber, wohin der Weg geht. Wir müssen ähnliche Vorgehensweisen jedoch unter ganz anderen Kriterien der Informationssicherheit, der Integrierbarkeit und Interoperabilität mit unseren Partnern entwickeln und betreiben können.

Im Ukrainekrieg spielen Drohnen eine bedeutende Rolle … Ja, sie sind allgegenwärtig, sowohl was die Aufklärung als auch die Wirkung angeht, selbst durch kleine, handelsübliche Drohnen. Die Bundeswehr sollte ein großes Augenmerk darauf legen, wie diese Bedrohung abgewehrt werden kann. Wir haben schon Systeme für die Bundeswehr in den Einsatz gebracht. Sie sind felderprobt, können Drohnen in unterschiedlich skalierbaren Ansätzen bekämpfen, von portablen über mobile Lösungen bis hin zu fest in Infrastruktur installierten Komponenten. Als Systemintegrator bündeln wir die einsatzspezifisch sinnvollen Fähigkeiten unterschiedlicher Typen von Sensorik und Effektorik über unser Führungssystem ELYSION in modularen, skalierbaren C-UAS-Systemen und haben zudem bereits beachtliche Erfolge dabei erzielt, C-UAS-Fähigkeiten auch in Bewegung von Verbänden („on the move“) darzustellen. Und das nicht nur auf dem Gefechtsfeld. Es geht ganz besonders auch um den Schutz von besonders einsatzrelevanten militärischen Einrichtungen und von KRITIS (kritischer Infrastruktur) sowie von Regierungseinrichtungen. Das muss verstärkt in den Fokus geraten. Die Konzepte der ESG im Rahmen der bodengebundenen Luftverteidigung reichen bis hin zur Abwehr von ballistischen Bedrohungen. Gerade auch aus dem Ausland beschaffte Systeme müssen in unsere nationalen Führungssysteme und -strukturen sicher integriert, mit ihnen vernetzt werden. Hier stellen wir gerne unsere Kompetenz zur Verfügung.

Stichwort „Landes- und Bündnisverteidigung“: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf im Zusammenspiel von öffentlichem Auftraggeber und der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie? Sicherheit heißt auch Handlungs- und vor allem Planungssicherheit, um in zukünftige Ansätze, die sehr kapitalintensiv sind, überhaupt investieren zu können. Ein Beispiel, was auch viele mittlere und kleinere Firmen trifft: die Erweiterung von Flächen für Produktionsstätten. Da benötigen Sie Kapital, das im wehrtechnischen Umfeld deutlich schwerer zu bekommen ist, als wenn es sich um rein „zivile“ Aktivitäten handeln würde. Bei der Infrastruktur z. B. sind benötigte Flächen oft in Infrastrukturfonds gebunden, die sich in ihren Statuten den strengen, undifferenzierten Nachhaltigkeitskriterien der EU unterworfen haben, wodurch wehrtechnische Unternehmen per se auf Ablehnung stoßen. Ist das in der „Zeitenwende“ konsequent und nachhaltig zu Ende gedacht? Die „Zeitenwende“ mit dem Sondervermögen ist ein guter Ansatz, aber letztlich auch nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es muss umfassend und langfristig weitergedacht werden. So müssen beispielsweise die neuen Systeme auch langfristig versorgbar sein. Da werden wir über wesentlich höhere Budgets reden müssen. Das andere sind die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa. Die angesprochenen sogenannten „Nachhaltigkeitskriterien“ können die wehrtechnische Industrie massiv behindern. Unsere Branche wird auf europäischer Ebene gleichgesetzt mit u. a. Glücksspiel, Tabak etc. So kann es nicht funktionieren. Ich unterstreiche ausdrücklich die Aussage des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V.: „Sicherheit ist die Mutter aller Nachhaltigkeit.“ Die derzeitigen Regelungsabsichten stehen der Lösung der tatsächlichen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen entgegen. Die politischen Rahmenbedingungen müssen so gestaltet werden, dass Streitkräfte und die wehrtechnische Industrie Hand in Hand gehen können und die Industrie die Möglichkeit bekommt, nachhaltig in Wachstum zu investieren. Nur so können die nachgewiesenen Bedarfe der Streitkräfte zur Erfüllung ihres verfassungsmäßigen Auftrags gedeckt und unser aller Sicherheit, Freiheit und Wohlstand nachhaltig gesichert werden.

Sehr geehrter Herr Westhoff, vielen Dank für die interessanten Informationen!    

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