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Im Januar beginnt die Stand-up-Phase der NRF(L) 2022-24. Im Gefechtsübungszentrum des Heeres (GÜZ) sprach der Hardthöhenkurier darüber mit Oberst Alexander Krone, Kommandeur Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ und Kommandeur NRF(L) 2022-24.

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Oberst Alexander Krone bei der Übung des Panzerbataillons 393 im Gefechtsübungszentrum des Heeres.©Bw/Andre Klimke

Sehr geehrter Herr Oberst, momentan übt das Panzerbataillon 393 hier im GÜZ. Was ist der Übungszweck?

Wir sind froh, nach langer Zeit hier wieder zu einer Übung mit einem verstärkten Kampftruppenbataillon zu sein. Das war lange so nicht möglich. Aus zwei Gründen: Wir haben zum einen natürlich viele Durchgänge gemacht mit Konzentration auf die Stabilisierungsoperationen für die laufenden Einsätze. Das zweite sind die Auswirkungen der Pandemie. Die Brigade 37 hatte von ihren rund 5.500 Soldatinnen und Soldaten bis zu 1.350 gleichzeitig in der Amtshilfe. 3.500 Frauen und Männer waren es insgesamt, manche bis zu acht Monate am Stück. Das alles zusammen hat natürlich zu Verzögerungen geführt.

Jetzt sind wir wieder da. Vor einem Jahr haben wir unter schwierigen Bedingungen einen ersten Durchgang im GÜZ absolviert, aber mit deutlich mehr Einschränkungen, da noch ohne Impfungen. Man konnte nicht den Ausfall eines Soldaten durch einen von einem anderen Fahrzeug ersetzen, um die Ansteckungsgefahr nicht zu erhöhen.

Basierend auf einer guten Impfquote können wir nun freier arbeiten. Rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten sind hier. Das ist im Kern die deutsche Battlegroup der NATO Response Force (NRF) 2022 bis 2024. Die Endkonfiguration der deutschen Battlegroup werden wir erst im April sehen, weil wir hier momentan Grenadiere mit dem Schützenpanzer Marder haben, während parallel Grenadiere mit dem Schützenpanzer Puma noch die Ausbildungsstufe des Schießübungszentrums in Munster absolvieren. Nächstes Jahr ersetzen wir die Marder- durch die Puma-Kompanien. Dann wird tatsächlich der Schützenpanzer Puma in der VJTF-Konfiguration mit dem Leopard 2 A7V zusammen üben. Dennoch ist schon hier der Bataillonskommandeur in der Lage, zwei Grenadierkompanien und zwei Panzerkompanien mit allen taktischen Möglichkeiten einzusetzen. Er hat eine verstärkte Panzerpionierkompanie dabei, die Joint Fire Support-Anteile der Artillerie, gute Sanitätsunterstützung und seine eigene Gefechtsstandsorganisation. Von dem, was er am Ende braucht, fehlt nicht mehr viel.

Was üben Sie hier?

Taktisch geübt wird Verzögerung. Nächstes Jahr steht erneut Verzögerung im Vordergrund. Nichtsdestotrotz muss jede Battlegroup alle taktischen Aktivitäten können.

Der Verband unter Führung des Panzerbataillons 393 aus Bad Frankenhausen ist tatsächlich schon zum dritten Mal dieses Jahr hier. Zunächst haben sie einen frei gewordenen Durchgang genutzt, um mit Unterstützung des Gefechtsübungszentrums die militärischen Führer taktisch weiterzubilden. Im April dieses Jahres ein nächster Durchgang, um schwerpunktmäßig die Kompanien zu beüben. Danach waren sie im Schießübungszentrum in Munster. Und jetzt das dritte Mal mit einer Übung auf Bataillonsebene. Insgesamt also ein guter schrittweiser Aufbau. Kräfte anderer Nationen sind hier nicht dabei, dieses Jahr üben die nationalen Beiträge zur NRF noch meist für sich. Nächstes Jahr erfolgt die zunehmende multinationale Verschränkung der Ausbildung.

Wie gliedert sich die NRF(L) 2022-24, deren Stand-up-Phase ja im Januar beginnt?

Wir haben einen deutsch, einen norwegisch und einen niederländisch geführten Gefechtsverband. Hinzu kommt für das VJTF-Jahr 2023 das niederländische Spearhead-Bataillon. Hier im GÜZ schließt sich unmittelbar nach dem Panzerbataillon 393 der Durchgang der niederländischen Battlegroup für die NRF an. Mit dabei eine litauische Kompanie und eine deutsche Kompanie zur Sicherung des rückwärtigen Raumes. Also trinational unter niederländischer Federführung. Zeitgleich wird in Norwegen die norwegische Battlegroup ausgebildet.

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Führung der Verzögerungsoperation im Gefechtsstand des PzBtl 393, aufgebaut in Schnöggersburg ©Andre Klimke

Was hier gerade an Vorbereitung für die Kampftruppe passiert, machen alle Unterstützungskräfte gleichermaßen, wie beispielsweise die Artillerie, die Elektronische Kampfführung, die Feldjäger oder die Heeresflieger im Rahmen der Division Schnelle Kräfte und das deutsche National Support Element, also die Logistik. Am Ende werden wir rund 11.000 bis 12.000 Soldaten stark sein, aus neun Nationen. Jeder ist momentan noch in der Phase der nationalen Vorbereitung und fachlichen Vorbereitung in der Truppengattung.

Die Unterschiede zur NRF 2019 sind die Modernität, zum Beispiel beim Leopard, dem Puma und dem Brückenlegepanzer Leguan, auch dem einen oder anderen neuen Kran, den es damals noch nicht gegeben hat. Ebenso bei den Lkws, der persönlichen Ausstattung, anteilig auch bei noch zulaufenden Nachtsichtgeräten.

Die Lehrbrigade bekam 2019 auch neue Kräder…

… was ganz interessant ist. Denn was macht der Kradmelder? Der kam früher mit der Kartentasche, heute mit einen Memory-Stick. Wenn ich große Datenmengen verteilen will und die Leistungsfähigkeit meiner Übertragungsmittel begrenzt ist, werden natürlich nicht mehr die Karte und der Plan auf Papier vervielfältigt, sondern die Daten auf den Stick hochgeladen. Ansonsten braucht man viele Kradmelder, zum Beispiel beim Marsch und Gewässerübergang. Es gibt so viele Koordinierungsaufgaben, bei denen auch mal schnell die NRF-Feldjägerkompanie aufgebraucht ist. Dann steht am Ende der Kradmelder da und weist den Weg.

Anders sind auch die Fähigkeiten zur Flugabwehr. Zum ersten Mal ist die binationale niederländisch-deutsche SHORAD-Task Force (Short Range Air Defence) dabei. Auch zum ersten Mal ein gemischter Heeresfliegereinsatzverband.

Wir haben auch die Empfehlung der Panzerlehrbrigade 9 umgesetzt, sich frühzeitig Vertreter der hauptsächlich truppenstellenden Nationen fest in den Brigadestab zu holen. So gehören beispielsweise zwei niederländische und ein norwegischer Offizier inzwischen fest dem NRF-Brigadestab an. Dazu kommen meine beiden Stellvertreter aus Norwegen und den Niederlanden, die große Zeiträume im Jahr verfügbar sind.

Und wie sieht die Führung der VJTF(L) aus?

Meine beiden Stellvertreter haben besondere Aufgabenbereiche. Der niederländische Stellvertreter ist in der Planung auf dem Hauptgefechtsstand, der norwegische Stellvertreter arbeitet vorne, zum Beispiel im Operational Liaison and Reconnaissance Team bei einer Anfangsoperation oder in der Führung des Forward Command Post. Der Chef des Stabes ist ein Deutscher.

Bislang übt jeder für sich. Wie führen Sie alles zusammen?

Im NATO-Übungsrhythmus gibt es in den kommenden Jahren keine Übung wie „Trident Juncture 2018“ in Norwegen. Deswegen bauen wir uns etwas Ähnliches selbst. Deutschland ist Gastgeber. Zwischen März und Mai holen wir uns so viel wie möglich aus der NRF zu einer mehrstufigen Übungssequenz zusammen.

Aufbauend auf einer Tagung mit allen Kommandeuren und Kompaniechefs, die wir in Dresden unter meiner Leitung durchgeführt haben, machen wir im Januar eine Aneinanderreihung von Fachworkshops, die sogenannten Academics. Zu speziellen Themen holen wir beispielsweise die Fires-Community und die NBC-Community zusammen, um an ihren Prozessen und den Standing Operational Procedures und ähnlichen Dokumenten zu arbeiten. Dann ist festgelegt, wie man in den Fachthemen zusammenwirkt.

Im März gehen wir dann nach Wildflecken zu einer computerunterstützten Übung. Im Prinzip beübt dort die Brigade die nachgeordneten Verbände und selbstständigen Einheiten. Zwar klassisch im Prinzip, in der Durchführung aber schon speziell, weil sie eben aus vielen Nationen kommen. Viele unterschiedliche Gefechtsstände mit den unterschiedlichsten Führungsmitteln werden aufgebaut und miteinander verknüpft. Dabei dann auch eine Erkundung im Gelände, wo wir quasi eine NATO-Lage auf Franken und Thüringen projizieren, sodass wir von Wildflecken dort auch hinfahren können. Die Operation wird dann am Computer sechs bis sieben Tage laufen. Das wird der Stresstest für die Gefechtsstände unterhalb der Brigade.

Und die Truppe?

Die geht entweder im April ins Gefechtsübungszentrum oder im Mai nach Bergen. Der Fokus im GÜZ wird auf den Kampftruppen, in Bergen auf Aufklärung und den Kampf- und Einsatzunterstützungstruppen liegen, also auch Logistik, ABC, EloKa etc. Das Ganze wird sich ziehen von Lüneburg über die Truppenübungsplätze Munster-Nord, Munster-Süd und Bergen bis in den Raum Hannover.

Zu den Größenordnungen: In Wildflecken werden wir mit dem Führungspersonal und den Systembedienern eine Stärke von rund 1.500 haben. Im April im GÜZ, bei der Zertifizierung des deutschen Gefechtsverbandes, ebenfalls rund 1.500. Im Mai in Bergen sind es dann abhängig von den Einmeldungen der truppenstellenden Nationen zwischen 5.000 und 7.000 Frauen und Männer. Allein das multinationale Logistikbataillon hat eine Stärke von rund 1.500 Soldaten. Auch das multinationale Artilleriebataillon ist sehr stark. Bis auf die binationale SHORAD-Task Force sind alle deutsch geführt. Hier ist der Lead bei den Niederländern, basierend auf dem gemeinsamen Apollo-Projekt. Pioniere, Artillerie, Logistik, Aufklärung, ABC-Abwehr stehen also unter deutscher Führung. Eine Kompanie zur Sicherung des Gefechtsstandes und des rückwärtigen Raumes steht unter tschechischer Führung. Besonders die Aufklärer und die Artilleristen haben starke multinationale Anteile. Eine interessante und fordernde Aufgabe für meine Bataillonskommandeure, diese Verbände zu integrieren. Deswegen ist auch die Übung in Bergen so wichtig, um alles zusammenzufügen und das Zusammenwirken der Enabler mit der Kampftruppe zu üben.

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Leopard 2 A7V des Panzerbataillons 393 bei der Übung im Gefechtsübungszentrum.©Ralph Zwilling

Gab es dazu auch Erfahrungen und Erkenntnisse der VJTF(L) 2019, die Sie nun umsetzen?

Ja, von der VJTF 2019 haben wir die Empfehlung, insbesondere drei Dinge zu üben: das Erste ist die Passage of Lines, sowohl über eigene Kräfte nach vorne als auch die Aufnahme von ausweichenden Kräften. Eine schwierige Koordinierungsaufgabe, erst recht multinational. Als zweites nenne ich das Kämpfen bei Nacht. Das Dritte sind die Gewässerübergänge. Neben den neuen Kriegsbrücken vom Typ Leguan haben wir vor allem die amphibischen Kräfte vom Pionierbrückenbataillon 130 aus Minden. Eine Hochwertressource. Jeder Gewässerübergang stellt eine kritische Phase mit vielen potenziellen Friktionen dar, in der man behindert, verzögert oder auch schmerzhaft getroffen werden kann. Deswegen führen wir die Truppe sowohl für den GÜZ-Durchgang im April als auch im Mai für den Truppenübungsplatzaufenthalt in Bergen jeweils über ein Gewässer. Die multinationalen Teilnehmer werden sich entweder in den Heimatstandorten der deutschen Verbände oder spätestens in den gewässernahen Sammelräumen eingliedern. Viele deutsche Soldatinnen und Soldaten haben noch nie einen Gewässerübergang durchgeführt. Oft erinnern sich nur die Älteren daran.

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Arbeiten mit dem Battle Management System.©Bw/Marco Dorow

Wir hoffen, dass wir dann im Mai auch die niederländische und die norwegische Battlegroup und die vielen Enabler nach Bergen führen. In einer großen Übung, mit und ohne scharfen Schuss, werden wir das multinationale Beziehungsgeflecht zur Entfaltung bringen. Auch Dinge, die man länger nicht mehr gemacht hat wie etwa das Zusammenwirken mit der ABC-Abwehrkompanie werden wir dort vertiefen. Auch die Rettungskette wollen wir natürlich proben, vom Ersthelfer über die verschiedenen Stationen bis hin zum Feldkrankenhaus.

Sie sprechen immer die Führung an. Wie sieht es denn mit den Führungsfähigkeiten aus?

Parallel zu den Übungen werden weitere Komponenten zur Verbesserung der Führungsfähigkeit zulaufen. Stück für Stück werden Server-Anteile, Hardware und anderes zulaufen, sodass das Ganze weiter aufwächst.

Es ist schon ein Sprung nach vorne, den wir gerade machen. Aber wir haben ihn nicht vollendet. Im wahrsten Sinne wird es bis Mitte nächsten Jahres ein Stand-up sein. Eine neue Software für das Battle Management System (BMS) braucht auch eine entsprechende Hardware. Die kommt erst sukzessive dazu. Hardware und Software sollten sich eigentlich im Gleichschritt weiterentwickeln. Es ist unterschiedlich komplex, das BMS in der Frontline-
Variante auf die Fahrzeuge zu bringen. Jedes Fahrzeug hat unterschiedlich viel Platz, ein anderes Stromkonzept und oft ein truppengattungsspezifisches Führungs- und Waffeneinsatzsystem ja schon drauf. Nehmen wir zum Beispiel die Artillerie mit dem System ADLER. Das alles muss über Schnittstellen so weit wie möglich verknüpft werden. Dieses Puzzlespiel wird das nächste Jahr weitergehen.

Und wie sieht das bei den multinationalen Anteilen aus?

Das geht Hand in Hand. Das sind die multinationalen Puzzlesteine. Es gibt große Unterschiede. In der Artillerie läuft die Vernetzung der Fachsysteme seit Jahren multinational. Manche Software-Lösungen, die unsere Partner nutzen, sind über Sitaware mit unseren Systemen kompatibel. Insgesamt ist das nicht unkomplex. Wie gut wir das hinbekommen, wissen wir erst im Sommer 2022 nach den großen Übungen. Bis dahin liegt viel Arbeit vor uns.

Es freuen sich alle mit der Software des BMS zu arbeiten, weil sie doch viel intuitiver und flüssiger zu bedienen ist. Sie ist sehr nutzerfreundlich und wird auch im daily Business für Planungsaufgaben eingesetzt. Es ist alles drin, was man braucht, und Ergebnisse können effektiver verteilt werden.

Der deutsche Gefechtsverband hat noch nicht alle Fahrzeuge und Fähigkeiten angebunden. Erst seit Kurzem ist das BMS in den neuen Leoparden eingerüstet. Die werden jetzt ausprobiert. Gleichzeitig wird mit dem neuen System gearbeitet, werden erste Erfahrungen gewonnen. Das ist dann schon ein Schritt nach vorne und macht den Besatzungen Spaß. Aber manchmal sind das drei Schritte nach vorne, dann wieder einer zurück. So ist es leider. Aber das ist in so einer Phase ganz normal.

Sehr geehrter Herr Oberst, vielen Dank für die umfassenden Informationen. Wir freuen uns darauf, Sie in den nächsten Jahren weiter begleiten zu dürfen.

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