Interview mit Generaloberstabsarzt Dr. Nicole Schilling, Stellvertreterin des
Generalinspekteurs der Bundeswehr und Beauftragte für Reservistenangelegenheiten
Sehr geehrte Frau Generalarzt, was hat Sie in den ersten fünf Monaten angesichts der rapiden verteidigungspolitischen Entwicklungen in Ihrer neuen Position am meisten beschäftigt?
Nicht erst seitdem ich als Stellvertreterin des Generalinspekteurs übernommen habe, sondern spätestens, nachdem ich Abteilungsleiterin Einsatzbereitschaft und Unterstützung Streitkräfte geworden bin, geht es mir vor allem darum, die Streitkräfte dem Grunde nach so aufzustellen, dass sie möglichst einsatzbereit sind. Und das ist mehr als nur materielle oder personelle Einsatzbereitschaft. Das sind Themenfelder, mit denen wir uns in den vergangenen Jahren bereits intensiv beschäftigt haben.
Es geht vor allem auch darum, dass wir die strukturelle Einsatzbereitschaft überprüfen müssen. Also: Sind die Strukturen so, wie sie sein müssen? Und ganz besonders – und das war und wird auch weiter mein Schwerpunkt sein – dass wir Prozesse und Verfahren weiter überprüfen müssen. Hier haben wir sicherlich noch viel nicht ausgenutztes Potenzial. Seit ich die Aufgabe Stellvertreterin des Generalinspekteurs übernommen habe, ist dies der dringlichste Impuls: die wenige zur Verfügung stehende Zeit bestmöglich zu nutzen.
Mit der „Weisung Prioritäten Generalinspekteur zur Steigerung der Einsatz- und Verteidigungsbereitschaft“ vom Mai 2025 wurden übergeordnete Prioritäten festgelegt. Gibt es hier aufgrund aktueller Lageentwicklungen oder des Innovationsgeschehens bereits maßgebliche Vorschläge zur Weiterentwicklung?
Die Prioritäten auf der Ebene des Generalinspekteurs besitzen eine strategische Perspektive. Es ist uns mit dieser Priorisierung erstmalig gelungen, die Bedrohungsanalyse, die Einhaltung unserer Verpflichtungen im Rahmen der NATO Family of Plans und Erkenntnisse aus der Einsatzbereitschaft in gleicher Art mit einfließen zu lassen. Also weg von der vormaligen, sehr fähigkeitszentrierten und sehr NATO-Planungsprozess- zentrierten Sichtweise hin zu: Was ist auf der Zeitachse wann erforderlich und was macht denn ein einsatzbereites Bataillon tatsächlich aus – jenseits der Frage: Stimmt der Munitionsvorrat oder die Anzahl der Großwaffensysteme? Das hat sich in dieser Priorisierung niedergeschlagen. Jetzt geht es darum, das auch in die Umsetzung zu bringen. Was mit der Haushaltsaufstellung 2025 und 2026 bereits entsprechend angelegt wurde.
Aktuelle oder tagesaktuelle politische Entwicklungen, wenn es etwa um das Verhältnis USA zu NATO geht und so weiter, spielen also erstmal keine Rolle?
Diese Entwicklungen haben wir bereits mitgedacht. Wenn wir zum Beispiel sagen, wir brauchen eine abstandsfähige Bewaffnung, die wir aktuell so nicht haben – Stichwort Deep Precision Strike – hat das auch was damit zu tun, dass wir aus dem Bereich der konventionellen Abschreckung Anteile übernehmen wollen und auch sollten, die aktuell nahezu ausschließlich durch die USA abgebildet werden. Und das machen wir auch nicht allein, das machen wir gemeinsam mit Bündnispartnern, zum Beispiel mit Großbritannien. Das ist ja ein wesentliches Thema beim Trinity House Agreement. Und Deep Precision Strike ist etwas, was alle Nationen sehr bewegt. Das ist ein maßgeblicher Beitrag zur Abschreckungsfähigkeit und passt deswegen auch in den aktuellen Kontext der politischen Entwicklung.
Die Bundeswehr soll von ihrer gegenwärtigen aktiven Stärke bis 2029 auf rund 200.000, bis 2035 auf rund 260.000 Soldatinnen und Soldaten wachsen. Wie zuversichtlich sehen Sie diese Ziele angesichts der bisherigen Entwicklung und der Einführung des Neuen Wehrdienstes zum Jahresanfang?
Wir haben vor etwa vier Jahren angefangen, den Gesamtprozess noch einmal genau zu betrachten und zu überlegen, warum es uns damals nicht gelungen ist zu wachsen. Wir haben einige Schlüsselfaktoren identifiziert, die im Maschinenraum und im Getriebe des Prozesses zu finden sind. Also Hemmnisse, die dafür gesorgt haben, dass wir die Potenziale der Bewerbenden nicht in die Streitkräfte gebracht haben. Im Rahmen der Taskforce Personal vor inzwischen drei Jahren sind viele dieser Themen aufgegriffen worden und haben im vergangenen Jahr begonnen, Wirkungen zu entfalten. Wir hatten am Ende des letzten Jahres etwa 3.000 Soldatinnen und Soldaten mehr in den Streitkräften als im Vorjahr. Das ist der höchste Aufwuchs, den wir seit Beginn der Trendwende Personal in einem Jahr geschafft haben, und wirklich ein großer Erfolg. Auch die Bewerbungszahlen steigen seit zwei Jahren wieder deutlich an. Mit dem Neuen Wehrdienst, der seit dem 1. Januar auch gesetzlich verankert ist, haben wir außerdem die erforderlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Deswegen bin ich zum jetzigen Zeitpunkt zumindest nicht unzuversichtlich, dass der angestrebte Aufwuchs gelingen kann.

