Kdr Logistikkommando: „Wir haben eine anerkannte Dysbalance zwischen Wirkung und Unterstützung!“

Soldaten verladen Munitionskisten auf eine Wechselladepritsche des militärischengeländegängigen Lkw 15 Tonnen MULTI 2 mit einem Teleskoplader Merlo an einem Versorgungspunkt während der Übung „Brave Blue 2025“ im Rahmen der Übungsserie „Quadriga 2025“ in Kazlų Rūda/Litauen. (Foto ©Bw/Haehnel)
Soldaten verladen Munitionskisten auf eine Wechselladepritsche des militärischengeländegängigen Lkw 15 Tonnen MULTI 2 mit einem Teleskoplader Merlo an einem Versorgungspunkt während der Übung „Brave Blue 2025“ im Rahmen der Übungsserie „Quadriga 2025“ in Kazlų Rūda/Litauen. (Foto ©Bw/Haehnel)

Interview mit Generalmajor Jochen Deuer, Kommandeur Logistikkommando der Bundeswehr

Herr General, was fordert den Kommandeur des Logistikkommandos der Bundeswehr dienstlich zurzeit besonders,
und wo setzen Sie Schwerpunkte?

Natürlich ist die Ausrichtung auf Landes- und Bündnisverteidigung der absolute Schwerpunkt. Das geht von der Verlegeplanung über die gestiegenen Anforderungenan die Logistik bis hin zu den gewaltigen Materialzuläufen, die wir derzeit haben. Diese kommen ja nicht nur in meine Truppenteile, die mobil einsetzbar sind, sondern müssen auch in meine Depotorganisation hineinwachsen

Als weiteren Punkt würde ich gerne den personellen Aufwuchs ansprechen. Der neue Wehrdienst soll uns mehr Personal zuführen, um unsere Lücken zu füllen.  Die Ausbildung und Integration ist eine Herausforderung, die wir bei der Ausrichtung auf Landes- und Bündnisverteidigung meistern müssen.

Darüber hinaus möchte ich erwähnen, dass wir das internationale Konfliktmanagement nicht vergessen dürfen. Klar, wir haben die Landes- und Bündnisverteidigung, aber ich habe derzeit auch 13 von 17 laufenden Einsätzen sowie einsatzgleichen Verpflichtungen, die ich logistisch versorge. Also wird uns immer auch internationales Konfliktmanagement beschäftigen, das ja oftmals Stellvertreterkriege mit Bezug zur Landes-Bündnisverteidigung abbildet.

Das Logistikkommando der Bundeswehr ist das größte Fähigkeitskommando des Unterstützungsbereichs der Bundeswehr. Haben sich aus Ihrer Sicht Struktur und Aufgaben als Fähigkeitskommando im Bereich Logistik  bewährt? Sind Sie unter Berücksichtigung der aktuellen Lage an der Ostflanke der NATO mit den getroffenen Entscheidungen zu Struktur und den Aufgaben des Kommandos zufrieden oder gibt es bereits Nachsteuerungsbedarf?

Wir haben eine anerkannte Dysbalance zwischen Wirkung und Unterstützung in den Strukturen. Viele denken, 2022 hat der Krieg in der Ukraine begonnen. In Wirklichkeit hat er 2014 begonnen. Mein Vorvorgänger, General Thomas, hat schon 2017 angefangen, das Logistikkommando stärker auf Landes- und Bündnisverteidigung auszurichten. Diese Früchte haben wir in den letzten zwei Jahren geerntet und in vielen Bereichen die Ausrichtung mit den heutigen Strukturen dahin gebracht, wo sie sein sollten. Insbesondere, wenn ich die mobilen Logistiktruppen der Basislogistik betrachte. Weiterhin haben wir die Regimentsebene geschaffen, die Bataillone etwas umgebaut, sodass sie in einem Einsatz im jeweiligen Einsatzgebiet als logistisches Netzwerk zum Tragen kommen können. Aber die Menge, die da drinsteckt, ist derzeit noch begrenzt. Daran arbeiten wir, das wird der nächste Schritt sein.

Die Strukturen, die ich habe, sind gut. Auch die Prozesse, die wir dahinter gelegt haben, wurden getestet und für gut befunden. Ergänzend dazu führe ich einmal jährlich ein logistisches Wargame durch, wo wir die einzelnen Prozesse unter Last bringen und sagen: Okay, ist es tragbar oder nicht tragbar? Dabei haben wir auch festgestellt, dass wir vor allem an der Menge feilen müssen.

 

GenMaj Jochen Deuer im Gespräch mit Oberst a.D. Michael Horst, Chefredakteur des „Hardhöhenkurier“. (Foto © LogKdoBw)
GenMaj Jochen Deuer im Gespräch mit Oberst a.D. Michael Horst, Chefredakteur des „Hardhöhenkurier“. (Foto © LogKdoBw)

 

Wann denken Sie, dass das klar wird?

Ich hoffe, dass wir noch diesen Sommer eine Ausrichtung bekommen, wo der Weg zukünftig hingeht. Und ich möchte nochmal betonen: Wir sind schon ziemlich weit gekommen und können damit auch eine Menge tun, Fight tonight ist keine Hülse, was die Basislogistik angeht. Vor allen Dingen kann ich das, was derzeit von der NATO gefordert wird, unterstützen. Aber wir schauen ja nach vorne: Wie viele Divisionen werden wir dann wo haben? Schließlich habe ich ja auch Reservekräfte, die ich unterstütze. Für meinen Bereich geht es nicht nur um einen Organisationsbereich, den ich unterstützen muss, sondern ich muss alle unterstützen können. Und das betrachte ich natürlich von zu Hause bis ganz nach vorn.

In diesem Zusammenhang: Wie steht es um den Aufwuchs der Kapazitäten in den Material- und Munitionslagern? Ist der Aufwuchs im Zeitplan und gibt es hier Alternativen, um sowohl die Munitionsbevorratung als auch die Ersatzteilbevorratung in den erforderlichen Umfängen zu gewährleisten?

Ja, wir sind im Plan. Und nein, es gibt keine Alternative dazu. Wir müssen personell und materiell aufwachsen. Es ist ja entschieden, dass wir eine Großgeräte- und eine Umlaufreserve bekommen, die über die 100 Prozent hinausgeht. Das halte ich für unglaublich wichtig. Es gibt ein paar Dinge aus dem Kalten Krieg, die ich als eine Errungenschaft empfinde, und das ist eine davon. Eine Großgerätereserve ist eine gute Entscheidung. Das ist eine Menge Material, das jetzt schon zuläuft.

Gerade die Logistik profitiert sehr viel davon. Es ist manchmal ein bisschen einfacher. Wir haben ja vielleicht nicht so extrem „sophisticated“ Material. Sondern Material, das auch heute in der Industrie in vielen Bereichen zum Einsatz kommt. Somit ist es natürlich leichter, einen Lkw 15-Tonner in einer bestimmten Spezifikation zu bestellen und dann auch geliefert zu bekommen, als es vielleicht ein spezialisierter Panzer ist, der nur in der Bundeswehr zum Einsatz kommt. Da haben wir einen kleinen Vorteil.

Die Materialzuläufe sind immens, auch Munition wird in den nächsten Jahren in großen Mengen zulaufen. Die größte Herausforderung, die wir jetzt damit in Einklang bringen müssen, ist, die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Aber da sind wir dran. Gerade meine Depotorganisation muss sich weiterentwickeln, die Infrastruktur ausgebaut werden. Das wird Zeit in Anspruch nehmen. Wir prüfen gerade, inwieweit uns die Industrie zwischenzeitlich unterstützen kann.

Ihr Bereich trägt die Verantwortung und die Kompetenz für den Einsatz, die Ausbildung sowie die Weiterentwicklung der Logistik in der Bundeswehr. Welche Lehren haben Sie aus den aktuellen Kriegen gezogen und gegebenenfalls schon umgesetzt?

Lehren aus den aktuellen Kriegen zu ziehen und Erfahrungen auszuwerten, ist unglaublich wichtig, um zu schauen, was passiert und was man für uns aufgreifen kann. Wir schauen dabei natürlich im Schwerpunkt auf den Logistikbereich. Vor ein paar Wochen war ich in der Ukraine und habe mir selbst ein Bild vor Ort machen dürfen. Dort habe ich mich mit meinem Counterpart, der mehr oder minder in der Ukraine dasselbe macht wie ich hier, ausgetauscht. Es wird in diesem Jahr noch einen Gegenbesuch geben, um den Dialog fortzusetzen.

Die Fragen stellte Michael Horst, Chefredakteur des „Hardthöhenkurier“.

Das komplette Interview lesen Sie in Ausgabe 4/26 des HHK!

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