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Vom Schiff rollen und wenige Tage später im Gefecht stehen

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Die VJTF(L)2023 ist einsatzbereit

Interview mit Brigadegeneral Alexander Krone, Kommandeur Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ und Kommandeur NRF(L) 2022-24/VJTF(L) 2023

Sehr geehrter Herr General, vor einem Jahr sagten Sie im Interview mit dem Hardthöhenkurier, für das Stand-up-Jahr 2022 läge „noch viel Arbeit“ vor allen Beteiligten und manchmal mache man „drei Schritte nach vorne, dann wieder einen zurück“. Wie ist es denn nun in den letzten zwölf Monaten gelaufen? Gar nicht schlecht. Wir haben in diesem Jahr 90 Prozent von dem, was wir uns vorgenommen hatten, auch tatsächlich erreicht. Ausgangspunkt war ein Aufholbedarf durch die Auswirkungen der Pandemie. Von den 5.000 Frauen und Männern in meiner Brigade waren im Wechsel rund 3.500 in Unterstützungsaufgaben gebunden gewesen. Manche haben einen Amtshilfeauftrag durchgeführt, andere bis zu fünf. Manche waren einen Monat weg, andere bis zu acht Monate. Dadurch sammeln sich automatisch Defizite in der Ausbildung an, insbesondere wenn man die Integration neuer Soldaten in ihren Kernauftrag betrachtet. Hinzu kamen die pandemiebedingten Einschränkungen in den Rahmenbedingungen. Ausbildung lebt nun einmal von dem engen Zusammenwirken der Kampfgemeinschaft und im Verband. Auch die Interaktion mit unseren multinationalen Partnern aus acht Nationen litt erheblich. Videokonferenzen helfen da nicht wirklich, wo man sich doch persönlich treffen und kennenlernen muss. Wie sind Sie konkret vorgegangen? Aufbauend auf der Konferenz, die wir mit allen Kommandeuren und Kompaniechefs im vergangenen Jahr in Dresden durchführten, haben wir Anfang des Jahres das Führungs- und Schlüsselpersonal zu Academics zusammengeholt: Bei diesen multinationalen Workshops haben wir die Verfahren abgestimmt und unsere Grundlagendokumente erarbeitet. Dann sind wir in eine Übungstrilogie gegangen: im März, April, Mai drei Übungen für jeweils drei Wochen. Mein Stab und ich waren mit dem Kernteam komplette neun Wochen dabei, alle anderen nahmen an zwei der drei Übungen teil. Im März in Wildflecken haben wir eine computerunterstützte Übung mit den Bataillonsgefechtsständen gemacht. Mit rund 1.500 Schlüsselpersonal spielten wir am Computer alles das durch, was wir dann im April und Mai draußen mit Volltruppe geübt haben. Da konnten wir auch Phasen wiederholen und nachjustieren.

03 VJTF Fuehrung Bw Sven Fischer

Brigadegeneral Alexander Krone mit seinen beiden Stellvertretern, dem norwegischen Oberst Kjetil Wee Pettersen (li.) und dem niederländischen Oberst Tjeerd Blankestijn. (Foto  ©Bw/Sven Fischer)

Ein guter und wichtiger Start. Allerdings fehlte uns noch einiges an Gefechtsstandmaterial. Aber um die Verfahren mit allen Nationen zu üben, war es schon perfekt. Auf dieser Grundlage haben wir dann im April mit 1.500 Kameradinnen und Kameraden rund um die deutsche Battlegroup geübt, mit einem starken Anteil Pioniere für den Gewässerübergang, ebenso die Medical Task Force und ein Teil der Aviation Task Force. Wir haben diese Gruppierung nach Klietz gebracht, eine Phase der Force Integration gemacht, sie mit unseren amphibischen Brückenmitteln über die Elbe im Landmarsch ins Gefechtsübungszentrum verlegt und dort einen klassischen Durchgang absolviert. Am Ende konnte die deutsche Battlegroup zertifiziert werden. Im Mai haben wir die anderen drei Viertel der NATO Response Force (NRF) in Bergen zusammengeführt, damit auch diese nach Alarmierung den Anmarsch üben. Für den Gewässerübergang haben wir Teile nach Klietz gebracht, in einem Convoi Support Centre der Streitkräftebasis versorgt und sie über die Elbe in die Lüneburger Heide marschieren lassen. Ein anderer Teil verlegte Richtung Weser, wurde in der Senne in einem Convoi Support Centre versorgt und so von Westen in den Übungsraum gebracht. Ein weiterer Teil marschierte aus Tschechien an, versorgt in Thüringen. Auch aus dem Baltikum und Norwegen marschierten Truppenteile über norddeutsche Häfen an. Parallel übte die Streitkräftebasis in der Übung „Robuste Basis“. Insgesamt 8.000 Soldaten haben wir im Dreieck Lüneburg – Hannover – Magdeburg, das die Truppenübungsplätze Bergen und Munster Nord und Süd sowie zahlreiche Standortübungsplätze und freies Gelände einbezog, multinational aufgenommen, zusammengeführt und integriert. Wir wollten den RSOM-Prozess (Reception, Staging, Onward Movement) bis zum anschließenden „I“ wie Integration treiben. Das war insbesondere für multinationale Verbände wie das Aufklärungsbataillon, die Logistik und die Artillerie sehr wichtig. Danach ging es in eine Feldeinsatzübung in Bergen, aufgeteilt in eine Nordund eine Südpartei, von den Fähigkeiten etwas unterschiedlich zusammengestellt, die dann gegeneinander gekämpft haben und durch die logistische Ebene 1 der eigenen Verbände versorgt wurden. Dahinter war die Ebene 2 bis in den Raum Hannover – Wesendorf, ab dann mit einer vorgeschobenen logistischen Basis im Einsatzland, gestellt durch die Streitkräftebasis, und Folgeversorgung aus dem Raum Burg. Alles zusammengenommen haben im April/März/ Mai rund 90 Prozent der 12.000 Soldaten, die die NRF (Land) 2022-2024 stellen, in mindestens einer der Übungen, die Führer mindestens in zwei, es geschafft, zusammen zu üben. Truppe rollt vom Schiff, wird aufgenommen und steht wenige Tage später im Gefecht. Das brauchen wir, das haben wir gemeinsam geschafft. Alle Nationen haben sich beteiligt, trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Entwicklungen in der Ukraine. Ein wichtiges auch sicherheitspolitisches Zeichen. Sehr erfolgreich, aber auch sehr lehrreich. Im Mittelpunkt standen dabei auch die Themen, die uns von der Lehrbrigade 9, die die VJTF(L) 2019 führte, empfohlen wurden zu üben. Insbesondere drei Sachen: der Übergang über Gewässer, das, was wir „Passage of Lines“ nennen, also das übereinander hinweg ablösen/aufnehmen/angreifen von Verbänden, und der Kampf bei Nacht. Alle drei Aufgaben werden wir auch im kommenden Jahr weiter vertiefen.

 01 Cougar Sword 22 PAO 1 GNC

ROC-Drill (Rehearsal of Concept) bei „Cougar Sword“: Brigadegeneral Alexander Krone trägt zu den einzelnen Phasen der geplanten Operation seiner NRF-Landbrigade vor. (Foto © PAO 1 GNC)

Sie kommen gerade von der Übung „Cougar Sword“ in Wildflecken. Ja, hier wurden wir auf Brigadeebene beübt. Das uns übergeordnete Land Component Command (LCC) wurde durch das I. Deutsch-Niederländische Corps gestellt, das diesen Auftrag auch 2023 als LCC für die NRF(L) wahrnimmt. In der Übung hatten wir dann auch Nachbarbrigaden, die niederländische 13. Brigade und die Panzerbrigade 21, und weitere unterstützende Truppenteile. Das gesamte Umfeld für meine Brigade wurde so dargestellt. Ein wichtiger Unterschied zu den Übungen im Frühjahr: Wir hatten damals als Gelände Deutschland genutzt, weil wir so auch in der Nähe praktische Geländeerkundung machen konnten. Bei „Cougar Sword“ war es aber Norwegen, und das ist doch ganz anders als bei uns. Enge Straßen, Fjorde, Tunnel – da kämpft man anders, viel eigenständiger, braucht eine andere Truppeneinteilung. Sämtliche Gefechtsstandteile haben wir eingebracht: den Hauptgefechtsstand, die beiden Forward Command Posts sowie die beiden beweglichen Befehlsstellen für mich und meinen norwegischen Stellvertreter. Das Zusammenspiel all dieser Elemente haben wir bei „Cougar Sword“ das erste Mal so über einen längeren Zeitraum hinweg und auch im 24/7-Modus üben können. Mit dieser Zertifizierung und der zeitgleichen Zertifizierung des CSS-Battalion (Combat Service Support) sowie dem Schießen der binationalen Air Defense Task Force auf Kreta sind sämtliche Zertifizierungsschritte erreicht. Inzwischen sind wir ein mit allen Nationen gut eingespieltes Team. Es hat sich bewährt, dass wir früh multinationale Vertreter in unserem Brigadestab integriert hatten, inklusive Umzug nach Sachsen. Meine beiden niederländischen und norwegischen Stellvertreter arbeiten auch überwiegend für die NRF.

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Abschuss eines Lenkflugkörpers MELLS: Zum ersten Mal wird der SPz Puma bei der NRF eingesetzt. (Foto © Bw/Sven Fischer )

Blicken wir nach vorn. Was ist für 2023, dem Stand by-Jahr, geplant? Das ist dadurch geprägt, dass sich die Reaktionszeit auf maximal eine Woche verkürzt. Diese schnelle Abmarschbereitschaft erfordert es, dass wir fast alles Gerät direkt bei den Verbänden vor Ort haben. Auch nahezu alle Prüfungen wie die technischen Materialprüfungen konnten wir schon in diesem Jahr abschließen, sodass sie uns nicht mehr belasten. Die Alarmierungsketten haben wir mehrfach getestet und verknüpft mit Übungen. Im nächsten Jahr wird die NATO das mit uns im Frühling bei „Noble Jump“ üben, einschließlich der Verlegung eines Teils der NRF mit einer anschließenden Übung. Unabhängig davon haben wir im Frühjahr das Gefechtsübungszentrum des Heeres (GÜZ) geblockt. Verlegung nach Klietz, Übergang über die Elbe und Übung im GÜZ – das wird wieder das Programm sein, dieses Mal unter Führung des Panzergrenadierbataillons 371. Der Verband stellt die Force Protection Kompanien für die NRF(L). Hinzu kommen die tschechische Kompanie, deutsche Pioniere, Sanitäter und mehr. Insgesamt wieder 1.500 Soldaten. Auch in Bergen werden wir parallel bei der Wettiner Heide üben, sodass alle, die nicht bei „Noble Jump“ verlegen oder im GÜZ sind, dort die Schießfertigkeiten noch einmal vertiefen. Also 2023 wieder eine Übungstrilogie, nur dieses Mal nicht zeitlich gestaffelt, sondern nahezu zeitgleich. Voraussichtlich wird dann im zweiten Halbjahr die Panzergrenadierbrigade 37 – als nationaler Auftrag – die Ausbildungslehrübung gestalten. Den Auftrag übernehmen wir von der Panzerbrigade 12. Durch den NRF-Auftrag verfügen wir über sehr viel Gerät, müssen nur wenig zusätzlich ausleihen. Auch 2024 wird für uns ein spannendes Übergangsjahr werden. Wir sind noch im Stand-down-Jahr der NRF, denken aber schon in Richtung Division 2025. Die 10. Panzerdivision wird uns schrittweise in die Vorbereitung einbeziehen. Das wird im Rahmen der Übung „Quadriga 24“ seinen Höhepunkt erreichen. Das überschneidet sich in den Themen sehr stark. Die NRF(L) ist für die Masse der Brigade eine ausgezeichnete Grundlage. Andere, dort nicht eingesetzte Teile gehen mit der Brigade 12 zu enhanced Forward Presence (eFP) nach Litauen, was thematisch natürlich auch sehr nah dran ist.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zu materiellen Aspekten. Wie steht es denn um die Führungsfähigkeit? Auch da haben wir gute Schritte nach vorne gemacht bei den Verbindungen von der Brigade nach oben und auch auf der Verbandsebene. Teilweise gibt es schon moderne Funkgeräte wie etwa bei den Aufklärern, um die multinationalen Anteile besser anbinden zu können. Vom Bataillon abwärts soll der große Durchbruch mit der Nutzung moderner Battle Management Systeme kommen, wie wir sie ja schon erworben haben. Deren ganze Funktionalitäten und immenses Potenzial werden wir aber erst dann richtig nutzen können, wenn die SEM-Geräte endlich durch moderne Funkgeräte breit ausgerollt abgelöst sind. Gut ist es, dass die Schnittstellen zwischen Leopard und Puma nun funktionieren. Da haben wir eine ganze Menge erreicht. Von der Brigade zu den Verbänden wird der Zulauf beziehungsweise die Umrüstung des regenerierten Gefechtsstandmaterials erst noch zum Abschluss kommen müssen. Bei „Cougar Sword“ konnten wir anteilig mit den neu gerüsteten Ausstattungen üben. In diesem Bereich ist man wahrscheinlich nie fertig, weil es immer irgendwo neue Soft- oder Hardware gibt. Ein ständiger Prozess, national wie international. Wir sind deutlich weitergekommen, aber es ist noch Luft nach oben.

…und der Rest des Materials? Die Ausstattung ist inzwischen wirklich gut. Wir haben fast alles an Material. Natürlich gibt es immer Verbesserungspotenzial. Ein Beispiel: Wir haben viele neue ungeschützte Transportfahrzeuge, kurz UTF. Wenn Sie mit den Logistikern sprechen, hätten die natürlich gerne noch mehr Wechselladepritschen, um noch effektiver arbeiten zu können. Der vergleichsweise gute Stand bei der NRF-Landbrigade geht natürlich auch zulasten anderer Verbände und Großverbände, denn die flächendeckende Vollausstattung muss erst noch erreicht werden.

Bei der VJTF(L) 2019 war persönliche Ausrüstung und Bekleidung noch ein leidvolles Thema. Wie sieht es jetzt aus? Bei persönlicher Ausrüstung und Bekleidung sind wir jetzt schon so gut ausgestattet wie die Soldaten, die tatsächlich in Einsätzen wie etwa in Mali sind. Das ist klasse, top Qualität.

Sehr geehrter Herr General, herzlichen Dank für die interessanten Informationen!

Das Interview führte Burghard Lindhorst.

 

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